5 Jahre mit dem Radl um die Welt oder anders ausgedrückt 2-play-on-earth
08.06.2010, Lima (Peru): Wir rollen hinaus aus Trujillo und über eine nebelige Piste gelangen wir auf die Strasse in die Berge nach Huaraz. Die kommende Strecke ist für gut achtzig Kilometer eine schmale grobschottrige Piste, die sich durch eine tiefe Schlucht und 35 kleine Tunnel bis auf 3000 Meter hinauf schlängelt. Eine irre, wunderschöne, staubige und anstrengende Strecke. Hier kommen uns zwei Motorradfahrer entgegen. Renate und Peter, die zwei ersten "selbstfahrenden Österreicher" die uns begegnen! Spontan campen wir gemeinsam neben der Schotterpiste im Schilf des Flusses und tauschen Geschichten aus. Die Piste endet und wir befinden uns in grünem Weideland, wo sich ein Dorf an des andere reiht. Die ersten vergletscherten Bergriesen kommen ins Blickfeld und wir erreichen nach fünf Tagen am Rad Huaraz. Vier Tage verbringen wir mit Wandern in der Cordillera Blanca. Einsame Täler, mächtige Berge, riesige Gletscher, strahlend blauer Himmel und eisige Nächte, wenn wir auf 4600 Metern zelten. Die Gegend ist phantastisch und ein absolutes Highlight auf unserer Reise! Ed hat seine Dokumente ersetzt bekommen und sein Rad repariert. Er kommt uns hinterher und hier in Huaraz treffen wir uns wieder. Nach einem gemütlichen Abend treten wir für einen halben Tag gemeinsam in die Pedale. Morgens ist es eisig. Langsam klettert die Strasse höher und die Landschaft wird karg. Trockenes, einsames Weideland und eine grandiose Bergszenarie. Wir trennen uns ein letztes Mal von Ed, der weiterhin in den Bergen bleiben möchte und nach Nordosten abzweigt. Wir wollen in Richtung Süden und an die Küste. Wieder eine Nacht auf über 4000 Meter Seehöhe, wo wir im einzigen "Fremdenzimmer" des kleinen Dorfes Conococha übernachten. Am nächsten Morgen starten wir zur längsten Abfahrt unserer Radlerkarriere: 4100 Höhenmeter kontinuierlich bergab! Eine grandiose Fahrt vom Hochland zur Küste. In Serpentinen windet sich die Strasse den Berg hinunter, führt uns durch Orte und letztendlich einem Fluss entlang ins Flachland. Leider beginnnt der Landeinwind bzw. der Talaufwind zu früh, sodass wir keinen guten Tagesschnitt erzielen und bremst uns in der zweiten, flacheren Hälfte der Abfahrt erheblich. An der Küste erwartet uns Sandwüste – die Landschaft erinnert an die Sahara. Jedoch hängt der Küstennebel tief und alles wirkt trostlos. Hunderte "Hühnerfabriken" säumen die Strasse, der Geruch ist fast unerträglich. So trostlos es unterwegs auf der Strasse ist, umso interessanter sind unsere Übernachtungsstops. Einmal zweigen wir 8km vom Highway ab und fahren hinauf in den den Nebelwald (Nationlpark Lachay), wo wir eine nebelig-feuchte Zeltnacht verbringen und uns lästige Nagetierchen nachts unsere Taschen löchrig knabbern. Die nebelige Morgenstimmung ist dennoch phantastisch. Eine Nacht später kehren wir in einem Hare Krishna Ashram ein, der wie eine Fatamorgana aus einer anderen Welt in der peruanischen Küstenwüste steht. Indische Türmchen und Tempel. Wir dürfen zelten und geniessen die skuril-indisch-peruanische Atmosphäre. Über einen langgezogenen Berg und dicken Nebel erreichen wir Lima. Allein 50 Kilometer in dichtem Stadtverkehr haben wir zurück zu legen, um zu unseren Gastgebern Marc und Chantal im Süden der Stadt zu gelangen. Hier parken wir unsere Drahtesel für die nächsten zweieinhalb Monate, da wir wieder eine Arbeitsradpause einlegen. Von Lima aus fliegen wir (wie jedes Jahr) mit einem kurzen Stop in Österreich nach Spitzbergen und Grönland, um dort als Vortragende, ReiseleiterIn und WanderführerIn auf einem Expeditionsschiff für "Oceanwide Expeditions" zu arbeiten...
22.05.2010, Trujillo (Peru): Um von Piura aus weiter nach Süden zu gelangen, gibt es zwei Möglichkeiten. Die kürzere Strecke führt stracks durch die Wüste und ist ein Hotspot für Überfälle. Wir wählen die zweite Strecke. Sie ist zwar länger, dafür aber sicherer. Trockenes Buschland, kleine Dörfer und lange gerade Strassen. Da wir etwas entfernt von der Küste radeln ist der Gegenwind erst nachmittags präsent. Wir zelten am Weg und erreichen (wieder zurück in Küstennähe) die kleine Stadt Chiclayo mit einem wunderschönen grossen Markt. Als wir vor einem Hotel anhalten, versuchen uns Leute von den Rädern abzulenken und hinter unserem Rücken macht sich bereits ein weiterer an unseren Taschen zu schaffen. Zum Glück kam uns die Sache seltsam vor, wir haben die Jungs rechtzeitig durchschaut und uns zu unseren Rädern umgedreht. Etliche Personen warnen uns, unsere Sachen (vor allem) am Markt so fest wie möglich zu halten. Auch werden wir vor Überfällen in einsamen Gassen gewarnt. Als wir abends unsere Emails lesen, erhalten wir Nachricht von Ed, mit dem wir in Ecuador ein paar Tage gemeinsam geradelt sind, und der kurz vor uns fährt. Er wurde unmittelbar vor Trujillo (unser nächstes Ziel) überfallen. Am hellichten Tag. Die Panamericana ist in dieser Wüstengegend nicht besonders stark befahren und plötzlich standen drei Typen mit einem Messer auf der Strasse. Sie griffen ihn an, stürzten ihn vom Rad, schnappten sich eine Tasche, warfen das Rad von einer Brücke und flüchteten. Geld, Kreditkarte, Reisepass, Kamera - alles weg und das Rad beschädigt. Auf diesem Streckenabschnitt gab es in diesem Jahr bereits sieben Überfälle dieser Art auf Radfahrer. Beim Weiterfahren rotieren unsere Gedanken im Kreis. Die besagte Strecke (um den Ort Paiján) trotzdem fahren – es werden ja nicht alle Radler überfallen – oder per Taxi umgehen? Wir sind in den vergangenen Jahren schon mehrmals Strecken gefahren, auf denen Banditen ihr Unwesen treiben und wir sind immer geradelt. Hier sind allerdings speziell Langstreckenradler Zielscheibe des Verbrechens. Bei starkem Gegenwind erreichen wir nach einsamer Wüstenfahrt den Ort Pacasmayo, wo uns die Polizei stoppt. Sie warnen uns davor, die Etappe nach Trujillo zu radeln und raten uns ausdrücklich, einen Bus zu nehmen. Das sind genug Warnungen! Kurz entschlossen nehmen wir ein Taxi und erreichen noch am selben Abend Trujillo. Hier befindet sich eine berühmte "Casa de Cyclistas". Das Haus von Lucho und seiner Familie, in dem alle Radreisenden willkommen sind. Wir sind Nummer 1321 und 1322. Allerdings kommen wir zu keinem idealen Zeitpunkt. Das Haus ist voll und wir "stapeln" uns dazu. Komischerweise ist nur ein wirklicher Radfahrer unter den Gästen. Backpacker überwiegen. Ebenso im Haus übernachtet ein Rollstuhlfahrer, der von Kolumbien hierher gerollt ist. Er hat soeben einen Dauer-Rollstuhl-Fahr Weltrekord aufgestellt. Wir treffen hier wiederum auf Ed, der schon seit Tagen damit beschäftigt ist, seine gestohlenen Dokumente ersetzt zu bekommen und sein Rad zu reparieren. Armer Kerl.
17.05.2010, Piura (Peru): Nachdem wir genug vom feuchten und tristen Hochland haben, beschliessen wir dem schlechten Wetter zu entkommen, und fahren von Cuenca in Richtung Westen über 2500 Höhenmeter hinunter an die Küste. Wir durchrollen in nur wenigen Kilometern verschiedene Vegetationsstufen. Von feucht, grünen Hügeln mit Landwirtschaft geht es hinunter (unter die erste Wolkendecke) in eine extrem trockene Zone mit Kakteen und viel Staub. Einige Kurven weiter bergab tauchen wir in dichten Nebel ein und aktivieren unsere Rücklichter. Mit einem Schlag ist es grün. Kurz darauf wird es schwül und warm, Bananen wachsen neben der Strasse und es ist üppig dschungelartig. Wir kommen unter den Nebel (zweite Wolkenschichte) und rollen hinaus ins Flachland. Die Sonne kommt heraus und wir strampeln uns durch endlose Bananenplantagen. Über den ziemlich verrufenen Grenzübergang von Huaquillas / Aguas Verdes kommen wir ohne irgend ein Problem nach Peru und an die Pazifikküste. Immer trockener wird das Land und je weiter wir nach Süden kommen, desto wüstenhafter wird es um uns, bis wir uns in einer staubigen, steppenhaften Halbwüste mit Dornbuschvegetation befinden. Die Strassen in Peru sind mies, schmal und oft von Schlaglöchern übersät. Die kleinen Ortschaften wirken armselig, staubig und teils trostlos, und erinnern uns an den Nahen Osten und Afrika. Motorrikschas sausen uns um die Ohren. Autos gibt es wenige. Zwei Mal übernachten wir an hübschen endlosen Sandstränden und springen in die Fluten. Es ist bisher schon windig gewesen, aber als wir den Surferort Máncora verlassen hindert uns der starke Südwind beinahe völlig am Weiterkommen. Die nächsten Radtage sind eine Qual und der Gegenwind nimmt uns fast die Freude an der herrlichen Wüstenlandschaft, durch die wir schleichen. Zwei Tage später als gedacht erreichen wir die Stadt Piura. Zeit für eine kleine Verschnaufpause. Wir streifen mit Michael, einem netten Deutschen, der hier schon seit eineinhalb Jahren arbeitet, durch die Stadt. Stundenlang sitzen wir zusammen und tauschen Geschichten aus. Er wurde bisher drei Mal überfallen. Das erste Mal an seinem ersten Tag, das zweite Mal an seinem zweiten Tag und das dritte Mal am Tag bevor er auf Heimurlaub geflogen ist. Heute waren wir mit ihm am grossen, bunten Markt auf dem man alles und noch mehr kaufen kann und wo es von Menschen nur so wimmelt. Michael meint, dass er heute ausnahmsweise seine Kamera dabei hat. Sonst lässt er sie zu Hause, weil es zu gefährlich ist. Wir sind gerade mal fünf Minuten am Markt unterwegs und Michaels Kamera ist weg. Schwupps, aus der geschlossenen Tasche gestohlen! Wow! Das Ganze ging unglaublich schnell. So ein Pech. Für uns eine Warnung, besser auf unsere Habseeligkeiten aufzupassen. Uns wurde in über drei Jahren noch nie etwas gestohlen – und wir hätten gerne, dass das auch so bleiben. Wir verbringen einen weiteren Tag in Piura, dann geht es wieder hinaus auf die Strasse und in den Wind...
05.05.2010, Cuenca (Ecuador): Am Wochenende findet in Quito der "Ciclo Paseo" statt. In der ganzen Stadt sind grosse Strassen für den Autoverkehr gesperrt und gehören allein den RadfahrerInnen! Ganz Quito rollt auf zwei Rädern. Eine tolle Atmosphäre! Da können sich die europäischen Städte noch etwas abschauen. Wir bekommen beinahe das Gefühl, dass Quito eine grüne, alternative Stadt ist. Am Tag, an dem wir uns von unseren Freunden verabschieden, sind wir allerdings wieder zurück in der Realität. LKWs und Busse pusten dicken schwarzen Rauch in die Gassen. Der Hals kratzt. Die Abgase hüllen die Stadt in eine graue Wolke. Die 20km hinaus aus der City (immer leicht bergauf) sind eine Tortur. Endlich sind wir wieder in den grünen Hügeln und können aufatmen. Leider ist der Wettergott nicht auf unserer Seite. Regen und dichter Nebel sind unsere täglichen Begleiter. Über Riobamba fahren wir nach Süden. Links und rechts mächtige Vulkane wie der Chimborazo. Wir sehen sie jedoch nur auf den Tourismus-Werbeplakaten neben der Strasse. Die Wolkendecke hängt tief und oft fahren wir stundenlang im Regen. In kleinen Orten in billigen Hotelzimmern versuchen wir abends unsere Kleidung zu trocknen. Am nächsten Tag geht es gleich wieder hinein in den nächsten Regenguss. Für den kleinen Hunger unterwegs werden gegrillte Schweine im Ganzen und am Dorfplatz Meerschweinchen am Spiess angeboten. Interessante Fotomotive, aber kein Paradies für Vegetarier. Wir kehren vermehrt bei Chinarestaurants ein, die es (fast) überall gibt und bekommen Reis mit Gemüse. Die Strecke ist gebirgig und täglich strampeln wir bis über 2000 Höhenmeter. Hier in den nebligen feuchten Hügeln Ecuadors treffen wir einen Radler: Ed, aus England, den wir vor Monaten auf der Baja California (Mexiko) schon einmal getroffen hatten. Gemeinsam fahren wir die letzten zwei Tage bis Cuenca, der bisher schönsten Stadt in Ecuador. Nach wie vor hängen die Wolken tief und es regnet oft, doch hat die kleine Stadt eine gemütliche, angenehme Atmosphäre. Auch ein guter Platz, um krank zu sein, denn es gibt moderne Krankenhäuser. Valeska hat sich Amöben eingefangen und wir verbringen zwangsläufig ein paar extra Tage in Cuenca, bevor wir wieder auf unsere Drahtesel steigen...
25.04.2010, Quito (Ecuador): Es ist bewölkt und regnerisch, als wir Medellin verlassen. In den nächsten Wochen sind Regengüsse unsere unliebsame Gesellschaft. Manchmal regnet es bereits morgens und wir drehen uns im Bett noch einmal um, dann erwischt es uns wieder unter tags, manchmal abends und zwischendurch hält das Wetter sogar ab und zu. Steil geht es oft über mehrere Tage bergauf. Danach in Windeseile über tausend Meter auf der anderen Seite bergab. Dann wieder für zwei Tage hinauf und hinunter und hinauf und hinunter. Wir dachten, dass Mexiko und Guatemala hügelig wären, aber Kolumbien stellt alles bisher Dagewesene in den Schatten. Täglich fahren wir gut über tausend Höhenmeter mit Spitzentagen an denen wir über zweitausend bewältigen. Phantastische Landschaften, grüne Weiden, Wälder und Berge. Nachts ist es angenehm kühl und unter tags gemütlich warm. In den Hügeln des Landes trainieren unzählige Rennradfahrer. Vor allem am Wochenende sausen uns hunderte Radler um die Ohren. Grüssen, winken, plaudern und wir bekommen Bananen geschenkt. Ein anderes Mal messen wir unsere Kräfte mit Mountainbikern, die wir nach dem Weg gefragt haben. Wir übernachten in kleinen, schmuddeligen Hotels an der Strasse, bei Leuten die wir über die Radler-network-seite www.warmshowers.org kennen lernen, schlafen auf einer Bananenfarm, in einer Dorfdisco, zelten neben dem Pool eines Hotels und werden von der Strasse weg zum Übernachten in ein Privathaus eingeladen. Wir sind zu Gast bei reichen Kolumbianern, bei Leuten der Mittelschicht und bei armen Bauern. Eines haben alle gemeinsam: Gastfreundschaft! Die Menschen sind hier extrem offen und freundlich uns Ausländern gegenüber und wir fühlen uns rundum wohl. In Kolumbien gibt es kein komisches Gefühl im Bauch, wenn wir nachts auf der Strasse sind. Nie werden wir blöd angemacht, niemand schreit uns zur Belustigung anderer Unverständliches hinterher. Niemand nennt uns Gringos. Man geht auf uns mit viel Interesse und Neugier zu, aber verglichen mit vielen anderen Ländern werden wir in Kolumbien nie müde unsere Geschichte zu erzählen. Die Freundlichkeit der Menschen ist enorm und das Land zählt diesbezüglich zu unseren absoluten Favoriten! Obwohl die Guerilla-Aktivitäten noch nicht komplett unter Kontrolle sind (unter anderem im Grenzgebiet zu Ecuador), fühlen wir uns in Kolumbien nie und nirgends unsicher oder in Gefahr. Wir strampeln durch die Kaffee-Anbau-Gebiete und durch die Ebene um Cali, wo die Strasse von Zuckerrohrfeldern gesäumt ist. Wieder geht es lange und ausgiebig bergauf, und wir erreichen die hübsche Kollonialstadt Popayan. Ein weiteres Mal rollen wir weit hinunter in ein trockenes Tal mit wüstenhafter Vegetation, bevor wir erneut auf über 3000 Meter klettern. Über Pasto und die interessante Kirche von Las Lajas erreichen wir nach einem ewigen Tag mit 2400 Höhenmetern und über hundert Kilometern Ecuador. Das Land empfängt uns mit schlechtem Wetter und unzähligen weiteren Hügeln und tiefen Gräben. Aber es gibt auch strahlend-klare Morgen mit schoenen Blicken auf Vulkane und phantastische Vegatationsabfolgen. Kakteen- und Trockenvegetation in den Schluchten und grüne Weiden und Wälder in den Berghängen tausende Meter höher. Zwei Tage radeln wir gemeinsam mir einem lustigen Venezolaner und gemeinsam überqueren wir den Äquator – für uns nach Afrika das zweite Mal am Landweg. Seit der Grenze sehen wir nun merklich mehr indigene Bevölkerung. Sie traegt Tracht, Hut und wenn es morgens kalt ist Ponchos. Wenn wir in Dörfern stehen bleiben und verschnaufen sind wir umringt von Schaulustigen, die sich die beiden schwitzenden Weissnasen am Fahrrad nicht entgehen lassen wollen. Über eine steile, kleine Strasse, die genau so gut in ein griechisches Bergdorf führen könnte, kommen wir vom Osten nach Quito, wo wir von unseren Freunden Anita, Leon und deren Familie bereits erwartet werden. Es tut gut nach den vielen langen Bergetappen der letzten Wochen die Räder für ein paar Tage ruhen zu lassen. Wir genießen den Flair der Großstadt und steigen auf den Vulkan Pichincha, den Hausberg Quitos...
05.04.2010, Medellin (Kolumbien): Früh morgens rollen wir aus Cartagena hinaus. Zum ersten Mal seit vielen Monaten ist es wirklich flach und kein Gegenwind trübt das Fahrvergnügen. Wir fahren in einem unserer längsten Tage 170 Kilometer bis in den Küstenort Tolú, wo wir ein letztes Mal die Karibik sehen. Drei weitere Tage radeln wir durch das mittlerweile leicht hügelige Tiefland Kolumbiens. Es ist extrem heiß uns schwül und plötzliche heftige Regengüsse bringen angenehme Abkühlung. Die Menschen sind freundlich und es wird gelächelt, gewunken und "Gute Fahrt" gewünscht. Wir fühlen uns bisher auf unserer Fahrt durch Kolumbien in keinster Weise unsicher oder gefährdet. Die Probleme mit Entführungen durch Guerillas oder Drogenbanden scheinen an den Hauptrouten unter Kontrolle zu sein und sogar nachts sind LKWs, Busse und private Autos unterwegs. Allerdings gibt es jede Menge Militär- und Polizei-Checkpoints. Wir haben die Vermutung, dass die Soldaten in ihrer Wehrzeit gratis telefonieren dürfen. Es ist unglaublich bei wie vielen Sperren die Soldaten am SMS tippen oder beim Telefonieren sind :-) Jetzt kommen wir in die Berge und die Strasse beginnt sich ab Puerto Valdivia wie eine Schlange in die Hügel zu ziehen. An einem einzigen Tag fahren wir über 2400 Höhenmeter. Es geht so gut wie nur bergauf und wir erreichen einen unserer schlechtesten Tagesschnitte. Oben in Yarumal ist es angenehm kühl, der Schweißfluss der vergangenen Monate hat endlich ein Ende gefunden! Es ist ein Genuss Socken und Fleece anzuziehen und wir genießen die Nacht unter der Decke. Hügelig und mit vielen Höhenmetern geht es durch wunderschöne Landschaft weiter, bis wir Medellin, die zweitgrößte Stadt Kolumbiens erreichen. Unwahrscheinlich wie viele Rennradfahrer uns hier entgegen kommen bzw. überholen. Radfahren ist in Kolumbien der absolute Volkssport und hat einen sehr hohen Stellenwert in der Gesellschaft. Wir werden vom Radler Alejo herzlich in sein Haus aufgenommen und verbringen mit ihm und seiner Freundin Mildred schöne, gemütliche Regentage in und um Medellin – die Regenzeit hat begonnen.
22.03.2010, Cartagene (Kolumbien): Wir verlassen Granada und in einem langen Tag mit viel Seiten- und Gegenwind strampeln wir über die Grenze nach Costa Rica, wo wir im kleinen, freundlichen Ort La Cruz übernachten. In der Nacht wird der Wind immer stärker, das "solide" gebaute Hotel wackelt und das Wellblechdach scheppert uns eines. Als wir am nächsten Morgen vor unserer Unterkunft stehen, denken wir erst, dass es unmöglich ist zu fahren, da uns der Wind fast aus den Sandalen bläst. Wir fahren trotzdem. Für die nächsten Tage ist der Wind extrem (Seiten- und Gegenwind) und wir ändern deshalb sogar unsere Route und radeln über die Nicoya-Halbinsel, was wir wirklich empfehlen können. Kleine Strassen, wenig Verkehr, freundliche hügelige Landschaft, fincas (Farmen) und ländliche kleine Orte. Mit einer uralten rostigen Fähre schippern wir zurück ans Festland – wenigstens nur eine kurze Überfahrt und wir hätten wahrscheinlich an Land schwimmen können, falls der Kutter abgesoffen wäre. Der Wind hat sich mittlerweile einigermaßen beruhigt und bläst teilweise sogar wieder aus der "normalen" Nordwest-Richtung. Wir wählen die Route entlang der Pazifikküste durch dschungelartige Vegetation, Zuckerrohr- und Ölpalmen-Plantagen. Es ist eine sehr ländliche Gegend, in der tausende pensionierte Amerikaner und Europäer Häuser besitzen. "Haus / Grundstück / Land zu verkaufen" –Schilder gibt es überall. Es scheint, die Costa Ricaner (kurz Ticas genannt) versuchen so viel wir möglich aus ihren Land heraus zu holen – Verkauf an finanzkräftige Westler ist offensichtlich der lukrativste Weg in eine bessere Zukunft? Unser Reiseführer beschreibt Costa Rica als den "tropischen Hintergarten der Gringos". Und es stimmt - zumindest für die Pazifikküste. Alles was Geld bringt ist im Besitz von Gringos. Auf jedem hübschen Grundstück eine Gringo-Villa. Supermärkte verkaufen was Gringos gerne haben, von Erdnussbutter bis zum Pfannkuchenmix. Burgers, Hot-dogs, Coca Cola und aus den USA importierte Äpfel. Die Küste hat ihren eigenen Flair und ihre eigene Schönheit, kein Zweifel daran, aber es laufen hier bei weitem zu viele Weißnasen herum. Costa Rica ist um vieles mehr entwickelt als alle anderen Länder Zentralamerikas die wir bisher besucht haben (mit Ausnahme von Mexiko). Häuser sind größer und schöner. Es gibt viel mehr Autos, die alle neuer, sauberer und größer sind. Viel weniger Armut sticht ins Auge und das Land ist sicher. Kein Stacheldraht und keine Mauern mehr um Häuser und keine bewaffnete Privatpolizei an Supermarkt-Eingängen. Aber leider sind die Strassen bei weitem nicht so gut wie wir sie erwartet hatten. Sie sind klein und kaum eine der Strassen auf denen wir uns bewegen hat einen Seitenstreifen. Das nervt! Es ist unwahrscheinlich schwül und wir schwitzen kontinuierlich Tag und Nacht und Nacht und Tag. Wenn wir über Hügel strampeln sind wir fast am "Eingehen" und träumen nur noch von einem Leben in der Tiefkühltruhe. Wir stoppen am Surferstrand von Jaco, und das erste Mal nach tausenden Kilometern (mehr oder weniger) entlang der Pazifikküste machen wir es – wir springen ins Wasser! Es ist naß und salzig. Was für ein Erlebnis! Um über die Grenze nach Panama zu kommen, müssen wir tief in die Trickkiste für Weltreisende greifen. Wir wissen, dass wir ohne das Vorlegen eines Ausreisetickets nicht nach Panama einreisen dürfen und von den Beamten zurück geschickt werden. Eine Möglichkeit ist es, für 25U$ ein Busticket zurück nach Panama zu kaufen und das vor zu legen. Das ist natürlich Geld für die Fische und kommt für uns nicht in Frage. Gleich neben den Grenzbalken gibt es ein Internetcafe. Wir springen hinein, basteln uns ein Flugticket (E-tickets sind eine phantastische Erfindung :-), drucken das Word-Dokument aus und falten es ein paar mal, damit es schon ein bisschen mitgereist aussieht. So vorbereitet begeben wir uns zur Grenze. Der Herr hinter dem Schalter kontrolliert mit geschultem Blick unser Ticket (zumindest die Namen) und ohne weitere Fragen stempelt er unsere Pässe und wir sind in Panama! Wie Costa Rica, so ist auch Panama ein relativ reiches Land und es ändert sich für uns nicht viel. Supermärkte haben unsere geliebten Bauernmärkte schon in Costa Rica ersetzt, die Städte versprühen ein Gefühl von Sicherheit, aber etwas ist seltsam: fast alle kleinen Lebensmittelgeschäfte in die wir stolpern werden von extrem unfreundlichen Chinesen-Familien geführt. Wir treffen zwei andere Radler, Stefan und Gareth und radeln für zwei Tage gemeinsam. Mit ihnen übernachten wir bei einem netten Couchsurfing-Kontakt in Davis und bei der Katholischen Mission in Tolé, und erleben den ersten Regen seit Monaten. Gareths Rad macht jeden Tag mehr und mehr Probleme und braucht einen Doktor. Wir fahren voraus und nach dreieinhalb Tagen durch das ländliche Panama erreichen wir Panama Stadt. Wir rollen durch Slums und schäbige Wohngebiete und auf einmal sind wir in der neuen modernen Innenstadt. Hochhäuser recken sich der Sonne entgegen, Mercedes und BMWs in den Straßen und mit den Boutiquen und Fast-Food-Restaurants wirkt die Stadt wie ein Versuch einer Imitation von Miami oder Singapore. Fast einen ganzen Tag verbringen wir bei den Miraflores Schleusen nördlich der Stadt, wo kleine Yachten und riesige Containerschiffe mit bis zu 4.000 Containern an Bord durch den Panama Kanal geschleust werden. Sehr beeindruckend!
In Panama City müssen wir eine Entscheidung treffen. Zwischen Panama und Kolumbien gibt es keine Strasse. Der so genante "Darien Gap" ist ein sumpfiges unzugängliches Dschungelgebiet zwischen den beiden Ländern. Aufgrund von Guerilla-Aktivitäten und jeder Menge Drogenschmuggels, ist dies eine extrem gefährliche Gegend und von Reisen in dieses Gebiet wird strikt abgeraten. Und wenn man nicht von Drogenbanden und Guerillaeinheiten gekidnappt, vergewaltigt oder getötet wird, dann sieht ein "Radausflug" durch den "Darien Gap" so aus wie der von Ian Hibell, der es in den 70er Jahren schaffte, sich und sein Rad durch das Dickicht zu zerren. Ja, es gibt ein paar Leute, die sich und ihr Fahrzeug mit viel Glück quer durch den Dschungel gebracht haben. Wir sind davon überzeugt, dass wir Abenteuern nicht aus dem Weg gehen, aber wir sind nicht lebensmüde! Es ist also für uns keine Option zu versuchen, über Land nach Kolumbien zu gelangen. Eine andere Möglichkeit ist es, von einem der kleinen offenen Handelsboote, die der Küste entlang fahren, mitgenommen zu werden. Wir haben von Leuten gehört, die mit solchen Schiffen übergesetzt haben. Aber es ist nicht einfach irgendwo in einem kleinen Hafen an der Karibikküste einen Kapitän zu finden, der einen mitnimmt bzw. dem man selbst auch vertraut. Diese kleinen Boote schmuggeln oft Waren in beide Richtungen. Fernseher und andere Elektrogeräte nach Kolumbien und Kokain nach Panama. Wir haben einige Berichte von Reisenden gelesen, die auf diese Weise übergesetzt haben, und alle waren auf Schmugglerboote geraten. Auch das ist nicht unser bevorzugter Weg nach Kolumbien zu gelangen. Aber es gibt noch zwei weitere Arten von Panama nach Kolumbien zu gelangen. Fliegen oder auf einer privaten Yacht als bezahlter Passagier mitfahren. Diese Schiffe sind in der Regel unter amerikanischer oder europäischer Flagge und die Besitzer bieten Backpacker-Trips zwischen den beiden Kontinenten an, um ihr Budget auf zu bessern. Wir haben schon lange eine Kabine auf einem großen Segelboot (Stahlratte) mit sehr guten Kritiken reserviert, haben es aber im Endeffekt nicht erwischt. Zwei weitere Boote wurden uns empfohlen, aber beide passten nicht in unseren Zeitplan. Diese Überfahrten kosten richtig Geld und es werden etliche Geschichten von unzufriedenen Reisenden erzählt: zu volle Schiffe und die Gäste müssen an Deck schlafen, schlechtes Essen, betrunkene Kapitäne im Sturm und Kapitäne die nur Geld verdienen und keine gelungene Fahrt liefern wollen. Und im Durchschnitt sinken jedes Jahr zwei kleine Yachten mit Passagieren an Bord aufgrund von Kapitänsfehlern! Daher wollen wir mit einem Segler übersetzen, der gute Kritiken hat. Fast einen ganzen Tag hängen wir uns ins Internet, auf der Suche nach weiteren Möglichkeiten, finden aber nichts Brauchbares. Wir waren uns eigentlich immer sicher, dass wir über den Seeweg nach Kolumbien reisen werden, aber je mehr wir im Internet stöbern, desto mehr kommen wir zu dem Entschluss, dass diese Touren eigentlich gar nicht unser Ding sind. Es ist ein Touristentrip in einer Gruppe, man stoppt auf den San Blass Inseln wo man Fotos von armen Kindern die nach Kugelschreiber betteln und Frauen oben ohne, die ihre Säuglinge stillen, machen kann. Weißer Sand, Palmen, Sonnenbaden, "Chillen und Grillen", und es wird mit dem klassischen Backpacker-Fängerwort geworben: es wird richtig FUN! Hm, vielleicht war es ja ganz gut, dass wir kein passendes Boot für uns gefunden haben, wer weiß. Und außerdem ist es um diese Jahreszeit in der Karibik sehr windig, also besteht durchaus die Möglichkeit, dass die Seekrankheit zu einer absoluten FUN-Bremse werden kann. Wir schauen uns also nach Flügen um, und verglichen mit den Bootstouren ist Fliegen extrem billig. Wir buchen und fliegen, sparen Geld, Zeit und bleiben die Individualreisenden, die wir sind. Nach nur einer Stunde landet unsere kleine Propellermaschine in Cartagena, Kolumbien. Die Einreise ist unproblematisch und wir befinden uns auf einem neuen Kontinent :-) Cartagena ist eine hübsche Stadt und wir spazieren durch die engen Gassen, bestaunen die schönen Kolonialbauten und bereiten uns auf die ersten Kilometer in Südamerika vor...
04.03.2010, Granada (Nicaragua): Nach angenehmen erholsamen Tagen zu Gast bei Robert in Guatemala Stadt ist es an der Zeit, die Gäule zu satteln und aufzubrechen. Hinaus aus der Stadt und gleich einen lang gezogenen Hügel hinauf. Die Straße ist in den Hang gemeißelt und die Luft ist zum Schneiden dick und schwarz von den Abgasen der LKWs und Busse. Nachdem jedoch Sonntag ist, trainieren hier hunderte Rennradfahrer und feuern uns – während sie überholen - an. Später, weiter im Hinterland, wo auch die Luft wieder besser ist und wir gerade Annanas bei einem Straßenstand speisen, rast eine große Gruppe von Rennradfahrern an uns vorbei – jetzt feuern wir an. Über eine kaum befahrene Straße, durch einsame Dörfer und über hunderte Hügel kurven wir vom Hochland in die Küstenebene Guatemalas. Mit einem Mal sind wir in tropischem Klima. Heiß und schwül! Die Vegetation ist üppig und vor allem Zuckerrohr wird hier angebaut. Palm- und Mangobäume wachsen neben der Straße und wir fahren durch viele schattige aber stickige Alleen. Hier trägt man jetzt nicht nur Hut und Stiefel sondern kostet das Wildwest Image voll aus und steckt sich zusätzlich noch einen Revolver in den Gürtel oder schultert eine Pumpgun, wenn man spazieren geht! Das ist ziemlich gewöhnungsbedürftig und zu gerne hätten wir einen der Waffenbrüder gefragt, ob sie sich abends noch was zum Essen schießen wollen oder mit einer Schießerei nach dem siebenten Bier in der Bar rechnen? Problemlos queren wir die Grenze nach El Salvador. Ein Land in dem die Kriminalität extrem hoch ist - es passieren im Durchschnitt zehn Morde pro Tag und Banden geben den Ton an – nicht die Polizei. Die Menschen wirken uns gegenüber viel skeptischer als in den Ländern zuvor und die Armut (vor allem am Land) schreit zum Himmel. Überall sehen wir Hütten aus Müll (Plastikplanen, Holz, Wellblech, Karton) in denen ganze Familien wahrscheinlich ihr gesamtes Leben verbringen. Sehr wenig motorisierter Verkehr ist unterwegs und es gibt nur miese teure Unterkünfte. Waffen wo man hinschaut: Bewaffnete Sicherheitskräfte vor kleinen Geschäften, auf Parkplätzen und an Kreuzungen. Eine typische Situation für El Salvador: wir sehen einen Kleinbus, der Klorollen zu Straßenstandeln liefert, von einem schwer bewaffneten Wächter bewacht – unglaublich aber wahr - wahrscheinlich würde ein Klorollenräuber sofort erschossen werden. Vor jedem Fenster und jeder Tür Gitter, um jedes Haus eine Mauer, gespickt mit Rasierklingenzaun. Das alles wirkt irgendwie bedrohlich und auch wenn wir nie Probleme hatten und uns an sich nie gefährdet gefühlt haben ist es doch nicht unser Lieblingsland. In El Salvador kommen wir seit langem wieder an die Pazifikküste und tauchen die Füße ins Wasser. Sonst hat das Land von der touristischen Seite gesehen für uns wenig zu bieten und wir reisen rasch nach Honduras weiter. In Honduras verbringen wir nur eine Nacht und zwei halbe Radtage. Ein Dorf reiht sich an das andere und hysterisch schreit es von überall her "Gringo! Gringo!" Kinder laufen wie von Hornissen verfolgt an die Straßen. Männer pfeifen (wahrscheinlich wegen Philipp?) und Unverständliches wird uns hinterher gerufen, was alle zu ungehemmten Lachausbrüchen bringt und uns dazu, weniger zu grüssen und zu winken. Die Bezeichnung "Gringo" kommt eigentlich von "green go home", was die Mexikaner im mexikanisch-amerikanischen Krieg (1846-1848) den amerikanischen Truppen nachgerufen haben. Heute ist "Gringo" eigentlich die Bezeichnung für einen US-Amerikaner, aber wer weiß schon genau wo wir her kommen – vor allem wenn wir so grün hinter den Ohren sind. Wir treffen auf diesem Abschnitt mehrmals andere Radler – den Verrücktesten, den Mechaniker und unsere zweite Solo-Radlerin. Es tut gut, über der Grenze in Nicaragua zu sein. Das Land ist arm wie alle anderen in dieser Ecke der Welt auch, aber es scheint doch um einiges sicherer zu sein. Wir sehen viel weniger Mauern, Rasierklingenzaun, Sicherheitskräfte und Waffen. Die Menschen sind nicht mehr hysterisch, wenn wir durch Dörfer rollen, sondern winken oder verhalten sich gleichgültig. Wir stoppen in der netten Stadt León, wo wir seit langen erstmals wieder in einer Masse von Touristen untertauchen. Entlang einer Reihe von Vulkanen radeln wir unserem nächsten Stopp entgegen. Managua, eine der (angeblich) gefährlichsten Städte der Welt, wo wir ein schönes Erlebnis mit Einheimischen haben. Unsere mexikanischen Freunde aus León (Mexiko) haben uns den Priester Arnaldo "vermittelt", der uns eine Gastfamilie organisiert hat. In einer Gegend, in die man sich als Weißnase wohl nicht hinein trauen würde. Enge Gassen, teilweise unbefestigt, ein vergitterter Hauseingang neben dem anderen. Weit entfernt von Luxus und Wohlstand, aber auch kein Slum, sondern es handelt sich um die Wohnviertel der hiesigen "Mittelschicht". Unsere achtköpfige Gastfamilie wohnt auf einem kleinen Grundstück auf das ein Raum-an-Raum-Häuschen gebaut und das klassisch mit Wellblech gedeckt ist. Waschplatz und Klo in einer Ecke des Hofes, die Küche und der offene Wohnbereich in der Mitte und gegen die Strasse hin gibt es zwei Reihen Gitter. Der Fernseher scheint auch hier wichtig zu sein, er läuft ständig, sonst gibt es wenig Luxusartikel. Mit Händen, Füssen und unserem sehr bescheidenen Spanisch plaudern wir den ganzen Abend, fühlen uns geborgen und gut aufgehoben. Dieser Stadtteil Managuas heißt übrigens "Villa Austria". Nicht weil der alpine Baustil übernommen wurde, sondern weil Österreich hier für den Aufbau der Infrastruktur (Kanal, Wasser, Strom,...) verantwortlich ist. Es gibt auch eine Schule in dieser Gegend, die "Ottakring" (ein Stadtteil Wiens) heißt! Interessant war es auch, die Innenstadt Managuas zu sehen. Ein Erdbeben hat 1972 fast die gesamte Altstadt zerstört und sie ist nicht wieder aufgebaut worden. Leere Flächen, verloren rumstehende Regierungsgebäude, ausgedehnte Slums und leere Straßen. Schockierend und faszinierend zu gleich! Von Managua ist es nur ein halber Tag gegen den Wind (der in Mittelamerika an der Küste offensichtlich immer von Südosten – also von vorne – kommt) nach Granada. Wieder tauchen wir in ein "Gringo-Paradies" ein. Granada hat eine wunderschön hergerichtete Altstadt am Lago de Nicaragua zu bieten, in deren Kern es sich leider kaum ein Einheimischer mehr leisten kann, zu leben. Europäer und Amerikaner führen italienische Trattorias und irische Pubs in denen man mit US-Dollar europäische Preise bezahlen kann; Spanisch-Schulen überall und Wi-Fi-Internet in den Kaffeehäusern – was für ein "Segen", wir können unsere Webseite aktualisieren...
17.02.2010, Guatemala Stadt (Guatemala): In San Cristóbal de las Casas treffen wir Paul, einen PanAmerika-Radler, den wir vor Monaten in Oregon (USA) bereits kennen gelernt haben und unternehmen mit ihm und Niki einen Ausflug nach Chamula. Hier steht eine interessante Kirche: grundsätzlich katholisch, doch mischt sich der Naturglaube der Maya mit dem Christentum. Das Innere der Kirche ist mystisch, ohne Bänke, stattdessen mit Baumnadeln ausgelegt. Hunderte Kerzen brennen in Grüppchen aufgestellt am Boden. Die Luft ist rauchgeschwängert. Murmelnd sitzen die Gläubigen vor den Kerzen. Sie haben Opfergaben mitgebracht – Cola und andere Zuckergetränke. Von den Wänden aus betrachten Heiligenfiguren das seltsame Treiben. Außerdem bevölkern viele Touristen diese besondere Kirche. Da das Fotografieren zum Glück verboten ist, wird die Atmosphäre nicht allzu sehr gestört. Nach gemütlichen Tagen in San Cristóbal verlässt uns Niki nach einem Monat gemeinsamen Radelns – wir sind schon gespannt, wann und wo sie das nächste Mal zu uns stoßen wird? Paul fährt in Richtung Yukatan, und wir brechen in Richtung Guatemala auf. Es ist eine schöne Landstraße mit wenig Verkehr, die sich kurvenreich über zwei Tage hinunter zur Grenze schlängelt. Kurzzeitig befinden wir uns wieder in tropischem Klima und schwitzen in der schwülen Hitze. An der Grenze herrscht buntes Treiben. Es ist Markttag, deshalb ist die Straße voll mit lauter "Standeln", Verkäufern und Passanten und kaum befahrbar. Motorisierter Grenzverkehr ist beinahe null. Die Formalitäten sind im Nu erledigt, schon sind wir in Guatemala und die Straße beginnt sich durch eine tiefe Schlucht wieder in die Berge zu schlängeln. Kaffeeplantagen, Wald und kleine Dörfer "kleben" in den steilen Hängen. Die Guatemalteken wirken offener als die Menschen in Mexiko, wo man auf der Straße zwar sehr freundlich, dennoch reservierter uns gegenüber war. Nun wird gewunken, gegrüßt und beim Vorbeifahren "gute Fahrt" gerufen. Die Leute, auf die wir in den Dörfern treffen sind extrem freundlich und wir haben das Gefühl, hier gut aufgehoben zu sein. Man kann sich kaum vorstellen, dass wir uns in einem Land befinden, in dem Entführungen, Überfälle, Morde und Selbstjustiz zum Alltag gehören. Wieder im Hochland auf gut 2.000 Metern besuchen wir Caroline, eine ehemalige Studienkollegin, die in eine Mayafamilie eingeheiratet hat. Sie und ihr Mann Julio leben zwar in Österreich, sind aber jedes Jahr für zwei Monate hier im Dorf, wo seine Großfamilie (15 Leute) zu Hause ist. Die Verhältnisse sind sehr ärmlich. Lehmhäuser, Wellblechdächer, Plumpsklo, kein Fließwasser und kaum Einrichtung. Als wir auf unseren Drahteseln einreiten stürmen uns Kinder entgegen und winken mit selbst gebastelten Österreichfahnen. Wir werden herzlich in die Familie aufgenommen. Es ist spannend zu sehen wie Maya Familien heutzutage leben. Nach dem Versuch der Kulturzerstörung im Bürgerkrieg (1960 -1996), wollen viele heute zurück zu ihren Wurzeln und dem Naturglauben finden. Extra für uns wird eine Feuerzeremonie gemacht. In einer Tonschüssel werden Harze, Gewürze, Zucker, Hölzer und Kerzen aufeinander geschichtet und angezündet. Wir knien alle im Kreis ums Feuer, Gebete werden gemurmelt, heilige Stätten angerufen und im Feuer Antworten gelesen. Die Zeremonie ist auf Quiche, eine der über 20 alten Maya-Sprachen, die die Leute in den Dörfern noch immer als erste Sprache verwenden. Die Zeremonie ist ein interessantes Erlebnis für uns. Obwohl sich die Verhältnisse für die Maya seit dem Krieg definitiv gebessert haben, sind sie nach wie vor Menschen zweiter Klasse, die wenig Bildung bekommen und somit auch wenig Möglichkeiten haben, sich im Leben zu verbessern. Seit Jahren arbeiten Caroline und Julio daran, dem Dorf und seinen Menschen zu helfen. Vor zwei Jahren wurde mit Spendengeldern ein Fahrweg gebaut, hundert bedürftige Kinder bekamen dieses Jahr ein Schulstartpaket (Bücher, Hefte, Bleistifte,...), der Bach (verschmutzt und ohne Wasser) soll revitalisiert und Mülltonnen aufgestellt werden. Mehr zu Caroline und Julios Projekten und wie ihr sie unterstützen könnt findet ihr auf unserer Seite. Schweren Herzens verabschieden wir uns nach ein paar schönen Tagen wieder und rollen durchs Hügelland (unter anderem wieder über den knapp 3.000 Meter hohen Pass namens Alaska) zum See Atitlán, der wunderschön zwischen hohen Vulkanen liegt. Unser nächster Stopp ist Antigua, eine gemütliche, kleine Kolonialstadt. Der See Atitlán und Antigua sind zu unseren Tagen bei der Maya Familie völlig konträr. Hier herrscht Tourismus pur. Luxuriöse Hotels reihen sich an einfache Hospedajes und Restaurants an Bars und Kaffeehäuser. Hunderte Touristen in den Straßen, Bettler in den Ecken und Maya Frauen und Kinder, die den Touristen mit Halsketten und bunten Decken nachlaufen. Krass! Trotzdem haben beide Orte ihr spezielles Flair und wir treffen Caroline und Julio wieder, die nach viel Arbeit im Dorf mit uns ein bisschen Urlaub machen. Ein kurzer Tag am Fahrrad bringt uns nach Guatemala Stadt. Robert – ein Hatzendorfer, der mit Valeska ein paar Jahre lang im gleichen Schulbus fuhr – arbeitet an der Österreichischen Schule (Instituto Austriaco) und hat uns zu sich eingeladen. Er wohnt in einer schicken Gegend in einem großen Haus und wir genießen den Platz, die Ruhe und seine angenehme und lustige Gesellschaft. Er zeigt uns die Großstadt, wir schlendern durch die bunten Märkte und halten in der Österreichischen Schule einen Vortrag über unsere Reise. Caroline und Julio kommen ebenfalls in die Hauptstadt und gemeinsam mit ihnen und Robert feiern wir Valeskas Geburtstag mit Kernölsalat (wer es nicht kennt – es ist das Blut der Steirer! www.steirisches-kuerbiskernoel-gga.at) und Sachertorte (von einer Bäckerin aus Salzburg). Spektakulär ist der Geburtstagsausflug, der uns auf den Vulkan Pacaya bringt (einer der aktivsten Vulkane der Welt), wo wir neben glühenden Lavaströmen spazieren
01.02.2010, San Cristobal de las Casas (Mexiko): In Mexiko Stadt dürfen wir die kälteste Periode (für diese Jahreszeit) seit 20 Jahren miterleben. Es regnet und regnet und wir sprinten (gehüllt in all unsere Kleidung) zwischen Kaffeehäusern, Museen und Kirchen hin und her. Wir bekommen Gesellschaft auf unserer Reise: Niki hat uns bereits vor ein paar Monaten von Vancouver nach Seattle begleitet und hat sich kurzfristig entschlossen, von Mexiko Stadt aus für einen Monat mit uns zu radeln. Aus Kanada kommend hat sie sich eigentlich Wärme und Sonnenschein erwartet, doch es bleibt vorerst regnerisch und kalt. Zu dritt starten wir von Toluca aus Richtung Osten. Hügel hinauf, Hügel hinunter fahren wir auf kleinen Strassen mit mäßigem Verkehr durchs Land. Klettern auf über 3.000 Meter und sausen frierend auf der anderen Seite wieder ins Tal. Über Malinalco, Cuernavaca und Cuautla kommen wir nach Puebla, wo wir bei starkem Regen einreiten. Es ist eine wunderschöne Kolonialstadt mit einem großem Plaza auf dem es vor Menschen nur so wimmelt. Überall schöne Häuser und einladende Gassen. Am Markt finden wir nicht nur Tomaten und halbe Schweine sondern auch Berge von gerösteten Heuschrecken und wanzenartige Insekten, die lebend im Weckerl verzehrt werden – wir haben es gesehen, es ist wirklich so! Hier treffen wir auch das deutsche Radlerpärchen Doro und Sven. Sie sind von Feuerland nach Alaska unterwegs und wir hatten schon länger per Email Kontakt mit ihnen. Es wird ein langer Abend mit jeder Menge Erfahrungs- und Tip-Austausch. In drei Tagen strampeln wir bei endlich schönem und warmem Wetter über unzählige mexikanische Hochlandhügel nach Oaxaca. Die Stadt ist ein weiteres Highlight auf unserer Fahrt durch Mexiko. Eine herrliche, gemütliche Altstadt, jede Menge wunderschöne Kirchen, ein riesiger Markt auf dem man von Obst und Gemüse bis zu Sandalen aus Autoreifen fast alles bekommt – Heuschrecken und Wanzen isst man hier offensichtlich nicht. Wir besuchen die beeindruckenden Ruinen und Pyramiden von Monte Alban und rollen weiter. Niki "passt perfekt" zu uns. Sie hat den selben Antrieb wie wir, will sehen, erleben und doch vorankommen. Auch vom Tempo passen wir alle gut zusammen und so strampeln wir einen Hügel nach dem anderen (oft) stundenlang bergauf, sausen auf der anderen Seite wieder hinunter, nur um den nächsten Hügel in Angriff zu nehmen. Das Land ist staubtrocken, plötzlich wachsen nun wieder Kakteen und stachelige Sträucher, die Orte sind klein und wir das Ereignis des Tages, wenn wir mit unseren Räder über den Dorfplatz rollen und nach einer Unterkunft fragen. Der Standard der Zimmer lässt nun zusehends nach, kaum ein Klo hat eine Brille auf der Muschel, die Betten sind alt und durchgelegen, und Kaugummi kleben in den Ecken. Die Bundesländer werden ärmer, Müll säumt die Strassen (vor allem im Staat Oaxaca), die Häuser werden zu Hütten und die Armut offensichtlich. Wir verlassen kurzzeitig das Hochland und sausen hinunter auf Meeresniveau an den Golf von Tehuantepec. Mit einem Schlag befinden wir uns in den Tropen. Alles ist grün, Palmen strecken sich der Sonne entgegen, es gibt wieder Ackerbau und es ist ungemütlich schwül. Hier befindet sich die engste Stelle Mexikos zwischen dem Golf von Mexiko (Atlantik) im Norden und dem Golf von Tehuantepec (Pazifik) im Süden. Es ist eine der (angeblich) windigsten Gegenden der Erde. Der böige Seitenwind bläst uns hier buchstäblich von der Strasse und treibt uns einen halben Tag lang beinahe in den Wahnsinn. Zum Glück dreht die Strasse langsam und bis zum Nachmittag fliegen wir mit Rückenwind voran. Wieder klettern wir in Richtung Hochländer. Unterwegs machen wir einen Bootsausflug in den Canyon del Sumidero National Park. Die steilen Felswände sind bis zu 900 Meter hoch und wir sehen Krokodile, Affen und Vögel. Nikis letzter Radtag mit uns ist nur 54 Kilometer lang. Doch auf diesen 54 Kilometern haben wir über 1800 Höhenmeter zu bewältigen. Es ist einer der fünf Tage mit den schlechtesten Tagesdurchschnitten der letzten drei Jahre Radfahren. Morgens starten wir in den Tropen und am Nachmittag befinden wir uns in einem feuchten, neblig-kalten Hochlandklima. Von starken Regenfällen vorangepeitscht erreichen wir klitschnass und erfroren San Cristobal de las Casas. Wieder mal ist es ausgesprochen kalt und regnerisch für diese Jahreszeit, deshalb nutzen wir die Tage in diesem malerischen Großdorf, um uns auf die Weiterfahrt durch Zentralamerika vorzubereiten...
07.01.2010, Mexiko Stadt (Mexiko): Die Tage bis Weihnachten verbringen wir mit unseren Gastgebern. León ist die Lederhauptstadt Mexikos und wir haben die Möglichkeit Gerbereien, Schuh- und Stiefelfabriken zu besuchen (Danke Herbert und Sissi!). Es ist interessant zu sehen, wie viele Arbeitsschritte es braucht bis aus einem schlabberigen Stück Fell ein Schuh entsteht. Bei den Stiefeln mussten wir zuschlagen und haben tüchtig eingekauft. Leider sind sie für richtige Gäule und nicht für Drahtesel geschustert und zum Mitnehmen zu schwer – sie werden per Flugzeug nach Europa kommen (Danke Monika!). Den 24.12. zelebrieren wir im Kreise unserer multikulturellen und großen Gastgeberfamilie. Morgens Philipps Geburtstag – Omi hat den Geburtstagskuchen gebacken - und abends Weihnachten. Es ist ein schönes Fest mit vielen Leuten und wir fühlen uns herzlich in die Familie aufgenommen. Umso schwerer fällt uns der Abschied, als wir am 26. wieder unsere Taschen packen und die Räder auf die Strasse schieben. Die ersten 13 Kilometer rollen wir auf einem Radweg (!) in Richtung Süden hinaus aus León. Zwei Tage fahren wir durch wenig spannende, recht flache trockene Landschaft bis es vor Morelia wieder hügelig wird und wir bei großen, spiegelglatten Seen vorbei kommen. Valeska hat sich eine Verkühlung eingefangen und Morelia wird für uns ein längerer Stopp als geplant. Die Stadt hat definitiv ihre schöne Seite mit einem ausgedehnten kolonialem Zentrum, mächtigen Kirchen und hübschen Plätzen. Andererseits ist sie extrem laut und stinkig. Der Verkehr rollt (besser: steht) überall, es gibt keine Fußgängerzonen und die Gehsteige sind eng und voll. Es ist Silvester und Valeska geht es wieder besser. Wir wollen am nächsten Tag endlich raus aus der Stadt und sind wahrscheinlich die einzigen, die Neujahr im wahrsten Sinne des Wortes verschlafen. Mit Ohropax in den Ohren geht Neujahr spurlos an uns vorbei. Sechs Uhr morgens (unsere übliche Zeit) sind wir am 01.01.2010 raus aus den Federn und rollen eine Stunde später durch menschenleere Strassen hinaus aus der Stadt. Wir fahren hinein in die Berge. Stundenlange Anstiege über hunderte Höhenmeter, sportliche Abfahrten und kaum Verkehr bietet die kurvenreiche Strasse, die den passenden Namen „Mil Cumbres“ (Tausend Kurven) trägt. Die Hänge sind grün und üppig bewachsen, Pinienwälder, Blumen, Gras. Vögel zwitschern, Bienen summen. Was für ein erholsamer Kontrast zu den Tagen davor. Von Zitacuaro aus unternehmen wir einen Ausflug zu den Monarch Schmetterlingen. Jedes Jahr überwintern Millionen von Schmetterlingen in den Hügeln (auf 3000 Metern Seehöhe) südwestlich von Mexiko Stadt. Es sind die Insekten, die die längste saisonale Wanderung unternehmen: von Kanada nach Mexiko und wieder zurück. Wir fahren zum El Rosario Schmetterlingsreservat. In Trauben hängen die Tiere in den hohen Nadelbäumen. Flugverkehr gibt es kaum, da es leider bewölkt und damit zu kalt ist (ein paar Grad über null). Die Massen an Schmetterlingen sind dennoch beeindruckend. Leider ist es kein Naturerlebnis wie wir es uns gewünscht haben: Es sind Ferien in Mexiko, dazu kommt, dass es gerade Wochenende ist, und außer uns sind sicherlich noch 2000 Leute hier, um den Insekten einen Besuch abzustatten. Das ist uns einfach zu viel! Auch die Souvenirmeile vom Parkplatz zum Reservat ist schlimmer als in jedem Schiort in den Alpen. Naja, trotzdem ein Erlebnis! Unser nächster Stopp ist der kleine Ort Valle de Bravo, den wir nach vielen Höhenmetern erreichen. Sehr touristisch, trotzdem wunderschön und die Atmosphäre ist gemütlich und verschlafen. Es gibt zwei Möglichkeiten um weiter nach Toluca zu gelangen und wir können nicht in Erfahrung bringen welche die bessere für uns ist, also entscheiden wir uns für die angeblich landschaftlich schönere Variante, die uns im Endeffekt auch zur Hauptstrasse führt. Wir sind im Nachhinein der Meinung es war ein Fehler, denn noch mehr bergauf, noch mehr Verkehr und eine noch schmälere Strasse hätte Variante II nicht sein können. Von 80 Kilometern fahren wir 50 bergauf und legen dabei 1700 Höhenmeter zurück. Die Strasse ist schmal und kurvenreich und der viele Verkehr fordert unsere permanente Konzentration. Es ist mühsam und gefährlich. Endlich geht es bergab und wir rollen in das Stadtzentrum von Toluca wo uns Magalie bereits erwartet. Bei ihr parken wir unsere Räder für die nächsten Tage und fahren mit dem Bus nach Mexiko Stadt. Wir wollen Mexikos Hauptstadt nicht missen, doch haben wir keine Lust uns einen Tag mit den Rädern durch den Verkehr zu wühlen, um ins Stadtzentrum zu gelangen. Ungefähr 22 Millionen Menschen sollen hier in der Stadt und ihrem Umkreis leben! Eine beeindruckende Zahl die eine ebenso unfassbare räumliche Ausdehnung der Stadt mit sich bringt. Im Süden der Metropole sind wir zu Gast bei Pfarrer Ralf und dürfen im Pfarrhof der deutschen Katholischen Kirche in Mexiko Stadt San Thomas Morus wohnen. Wir ziehen ein paar Tage durch die Großstadt, genießen ihren einzigartigen Flair, lassen die vielen verschiedenen Viertel, Monumentalbauten, Parks, Kirchen, Museen, Märkte auf uns wirken und besuchen Pfarrer Ralfs Gettesdienste :-)
20.12.2009, León (Mexiko): Viele private Yachten liegen an der Marina von La Paz und wir versuchen mehrere Tage lang eine Mitfahrgelegenheit über den Golf von Kalifornien nach Mazatlan zum mexikanischen Festland zu bekommen. Morgens sind wir am Funkgerät, geben unser Anliegen durch, plaudern danach beim Kaffeetreffen mit den Seglern. Wir bekommen Angebote, aber niemand setzt in absehbarer Zeit über. Letztendlich nehmen wir die überteuerte Fähre und sind am nächsten Morgen in Mazatlan. Wir beschließen, hinauf ins Hochland nach Durango zu fahren und kurz nach Mazatlan beginnt die Straße bereits zu steigen. Erster Tag: flach, flach, bergauf, bergauf, bergauf bis in einen sehr hübschen kleinen Ort mitten in den Bergen: Copala, wo wir die einzigen Gäste im einzigen Hotel sind. Zweiter Tag: bergauf, bergauf, bergauf, bergauf, bergauf bis wir nach über 6 Stunden Fahrzeit und nur 52 Kilometern das Dorf El Palmito erreichen. Einer der Tage mit den schlechtesten Durchschnittsgeschwindigkeiten. Dritter Tag: bergauf, leicht bergauf, bergauf, bergauf, endlich mal relativ flach und sogar mal bergab, bergauf, bergauf, bergab - und nach langer Fahrt erreichen wir El Salto auf 2.600 m, wo wir uns am Kaminfeuer in unserem Hotelzimmer (!) wärmen. Vierter Tag: bergauf, bergab, bergauf, bergab, bergab und durch einen irren Rückenwind angetrieben erreichen wir Durango. Von Mazatlan nach Durango waren es nur 320 Kilometer, doch hatten wir 5.500 Höhenmeter zu bewältigen. Es ist eine langsame und anstrengende Strecke, aber gleichzeitig auch eine wunderschöne und wir sind froh, die Strapazen auf uns genommen zu haben. Die Straße windet sich über die Hügel, schneidet in die Hänge und quetscht sich an Felswände – sie ist ein richtiges Kunstwerk. Dazu kommt grandiose Aussicht! Und je weiter wir in die Berge kommen, desto grüner und üppiger wird die Landschaft. In der Höhe ist es merklich kälter, morgens ist die Landschaft mit Reif überzogen und wir frieren auf den Rädern bis die Sonne am späteren Vormittag endlich Kraft bekommt. Zum ersten Mal seit langem regnet es und Nebelfetzen steigen gespenstisch aus den Tälern auf. Als wir endlich auf dem Hochland sind, bleibt es hügelig, doch vom Klima her wird es trockener. Die Pinienwälder werden von Kakteen, Joshua Bäumen und trockenem Grasland, auf dem Rinderzucht betrieben wird, abgelöst. In Durango stoppen wir für zwei Tage bei "Couchsurfern" (www.couchsurfing.org) und sind fasziniert von der wunderschönen Stadt. Große barocke Kirchen, eine traumhafte Altstadt und jede Menge Leben auf der Straße: gestylte Mädels, Stadtdamen mit Stöckelschuhen und eleganten Handtaschen, coole Jungs mit gegelten Haaren, Geschäftsleute mit Aktentaschen und Cowboys mit Hut, engen Hosen und spitzen Stiefeln. Wir sind fasziniert von der Atmosphäre und vor allem von der Weihnachtsbeleuchtung und -beschallung. Über viele Hügel, durch trockene Landschaft und kleine Orte mit großen Kathedralen kommen wir nach Zacatecas: bunte Häuser reihen sich an den Hügeln entlang, die Kirchendichte ist enorm und die Altstadt wunderschön restauriert. Es ist der 12. Dezember, der Tag der "Jungfrau Guadalupe", eine der Hauptheiligen Mexikos. Im ganzen Land pilgern die Menschen zu den Kirchen, die dieser Heiligen gewidmet sind. Es finden Prozessionen und Feiern statt. Wir wollen uns das nicht entgehen lassen und fahren in den Nachbarort mit Namen Guadalupe - zur Hauptkirche. Jahrmarktstimmung herrscht um die Kathedrale. Es gibt Souvenir- und Ramschstandel, Luftballonverkäufer und jede Menge "gesundes" Essen (Chips, Popcorn, frittierte Schweinehaut und Fleischberge auf Weißbrot – alles wird natürlich mit Chili-Sauce serviert). Tänzer drehen sich in roter Tracht zu Trommelmusik vor der Kirche im Kreis. Ein Gottesdienst jagt den anderen. Ein paar Pilger rutschen auf Knien zur Heiligen Messe. Auf der Straße kriecht eine Karawane von geschmückten LKWs, Bussen und Autos in Richtung Kirche. Mönche besprengen die Fahrzeuge mit Weihwasser und ein Pfarrer segnet sie. Jetzt sind sich alle sicher, dass ihnen bei zu hoher Geschwindigkeit in zu engen Kurven nichts mehr passieren kann. Wie sind froh per Fahrrad und nicht per Bus unterwegs zu sein und rollen weiter in Richtung Süden. In Aguascalientes kehren wir im Lukas Hostel ein und freunden uns mit den sympathischen Besitzer an, der uns als außergewöhnlichen Besuch auch gleich auf seine Webseite stellt (www.lukashostel.com). Nach einem weiteren langen Tag erreichen wir den geographischen Mittelpunkt Mexikos, León, wo wir von Monika, Javier und ihrer großen mexikanisch-deutsch-österreichischen Familie bereits erwartet und herzlich empfangen werden. Ihr Zuhause ist für uns eine grüne Oase, in der wir uns zurücklehnen und entspannen dürfen. Wir sehen uns die Stadt an und schütteln dem Bürgermeister, der uns durch seine Amtsräume führt, die Hand. Mit Monika und Mika - aus Berlin (sie ist hier, um Spanisch zu lernen) – unternehmen wir einen Ausflug in die faszinierende Altstadt von Guanajuato. Die gesamte Stadt ist untertunnelt (alte Abwasserkanäle mit neuen Ein- und Ausfahrten) – hier rollt der Verkehr. Bunte Häuser "kleben" an den Hängen, wunderschöne Kirchen, enge Gassen, Theater und schattige Plazas mit edlen Restaurants. Wir erleben in León eine einmalige Gastfreundschaft, essen die ersten Weihnachtskekse seit vier Jahren (!!) und werden eingeladen, im Kreise der Großfamilie Weihnachten zu feiern.
30.11.2009, El Centenario / La Paz (Mexico): Nach gemütlichen Tagen in Ensenada packen wir unsere Taschen und sind wieder am Weg nach Süden. Es ist viel zu viel Verkehr auf der schmalen Straße, die kaum Platz für zwei LKWs bietet und der Asphalt endet links und rechts in einer hohen Kante in Richtung Straßengräben. Es ist eine weniger körperlich als psychisch anstrengende Fahrt im Norden der Baja California. Permanent müssen wir aufpassen was um uns passiert und die Landschaft ist wenig ansprechend - hauptsächlich flach, trocken, grau und trostlos. Orte sind staubige Straßendörfer mit Lkw-Stop-Charakter, aber der Wind ist mit uns (Rückenwind) und schiebt uns voran. Als wir endlich bei San Rosario in die Berge abzweigen wird alles anders. Die Straße windet sich durch eine herrliche Hügel- und Felslandschaft. Wir rollen durch Felder aus Granitblöcken, unzählige Kakteenarten recken sich Richtung Sonne – die Vielfalt ist faszinierend und die Fülle unbeschreiblich. Der Verkehr hört fast zur Gänze auf, entlang der nächsten paar hundert Kilometer liegen kaum Orte (dafür sind sie meist ansprechender als zuvor), Wasser wird zur Mangelware und der Rückenwind wir zu einem kräftigen Seiten- und Gegenwind, der uns für ein paar Tage fast um den Genuss der grandiosen Landschaft bringt. Doch die Straße ändert letztendlich ihre Richtung und wir drehen uns wieder in den Wind. Landschaftlich bleibt die Baja bis auf ein relativ kurzes Stück um Guerrero Negro wunderschön. Berge und Hochplateaus. Kakteen und sternenklare Nächte. Wir schlafen in der Wüste, kommen in kleinen Motels in winzigen Orten unter und campen neben Raststätten (Gasthäuser für die Lkw-Fahrer). Einfallsreich ist die Namensgebung in diesem Teil der Welt und wir kommen durch Orte wie Rosarito, El Rosario, Rosario de Abajo, Rosarito (noch mal), Santa Rosalia und El Rosarito. Trotzdem bleibt Villa Jesus Maria (hier finden wir Herberge :-) unser Lieblingsortname auf der Baja! In San Ignacio, einer kleinen Oase im trockenen Hügelland stoppen wir für einen Tag, genießen den Schatten der Dattelpalmen, die verschlafene Gemütlichkeit des Dorfes und erleben die Feierlichkeiten zum "Tag der Mexikanischen Revolution". Am Dorfplatz präsentieren SchülerInnen Tänze, kleine Theaterstücke in denen es um die Revolution geht, Cowboys marschieren auf, die Hymne wird gesungen und in militantem Ton auf die Fahne geschworen. Sehr interessant, doch erschreckend patriotisch. Bei Santa Rosalia (schon wieder) kommen wir erstmals an die Ostseite der Baja Halbinsel, an den Kalifornischen Golf. Phantastische Buchten und Sandstrände wechseln sich mit felsiger Steilküste ab. Amerikanische Rentner, Sonnenanbeter, und die, denen es in den USA zu teuer ist, treffen sich hier, um den Winter in Wohnwägen, Campingbussen und kleinen Häuschen zu verbringen und in den Sonnenaufgang zu blicken. Wir finden wunderschöne Zeltplätze an den Sandstränden und stoppen im kleinen Nest El Juncalito wo wir zu Gast bei Roberta in ihrem Häuschen erholsame Tage verbringen und ein bisschen von ihrer Idylle mit-leben dürfen, bevor wir die nächste Bergetappe in Richtung La Paz in Angriff nehmen. Steil geht es ein weiteres Mal hinauf in die Berge und auf der anderen Seite lange bergab auf die Westseite der Baja. Die letzten paar hundert Kilometer vor La Paz nimmt der Verkehr nun zu. Auch der "Gegenverkehr" – wir treffen erstmals in Mexiko kurz hintereinander zwei Pedalcowboys, die uns entgegen kommen . Vor La Paz wird es noch mal hügelig und wir zelten ein letztes Mal umringt von Kakteen. Nachts heulen die Kojoten, Kühe besuchen unseren Zeltplatz und "muhen uns eins", der Sternenhimmel ist grandios und der Morgen beginnt mit Reifenflicken – die Kakteen waren wieder einmal stärker. Mit herrlichem Rückenwind fliegen wir La Paz entgegen und kehren bei Michael und Niurka einem deutsch-kubanischen Pärchen ein, und verbringen schöne Tage mit ihnen in ihrem tollen Haus...
10.11.2009, Ensenada (Mexiko): Mit Marlies und Setso unternehmen wir einen Ausflug (per Auto) in den Joshua Tree Nationalpark, wo wir auch unsere Fahrradfreunde Uwe und Simone (die sich für zwei Wochen einen Mietwagen genommen haben, bevor sie in Neuseeland und Australien radeln wollen) treffen. Der Park ist phantastisch: malerische Granitblöcke, unzählige Joshua Bäume, jede Menge verschiedene Kakteen. Wir sehen und hören Kojoten, Erdhörnchen flitzen von einem Schattenplatzerl zum nächsten und nachts steht der Vollmond hoch über uns und hüllt die Wüstenlandschaft in ein gespenstisch weißes Licht. Tagsüber wandern wir durch die abwechslungsreiche Landschaft und abends wenn es kühl wird sitzen wir lange am knisternden Lagerfeuer.
Nach ein paar weiteren Tagen in Los Angeles ist es für uns an der Zeit, wieder in die Pedale zu treten und uns von Marlies und Setso zu verabschieden. Wir rollen der Küste folgend nach Süden. Es ist kein einsames Dahinrollen durch die Natur mehr, sondern eine Stadt folgt der nächsten und von San Diego aus blicken wir zum ersten Mal über die Grenze nach Mexiko. Der Abschied von den USA fällt uns fast schwer, da wir in den letzten Tagen noch jede Menge netter Leute kennen gelernt haben (Danke an Steve, Linda, Dave, Paul). Wir wählen den (aufgrund von Drogenbanden-Kriegen verrufenen) Grenzübergang bei Tijuana – nachdem wir keine Drogenbarone sind haben wir auch keine Probleme J. Es ist die meistfrequentierte Grenze der Welt, trotzdem sind wir im Nu in Mexiko! Hätten wir uns nicht selbst um einen Einreisestempel und eine Touristenkarte gekümmert, wären wir ohne aufgehalten zu werden einfach über die Grenze spaziert. Der Unterschied zwischen den USA und Mexiko ist krass: Mexiko ist um vieles ärmer als das Nachbarland – das ist augenscheinlich. Straßen haben Löcher, Sandhäufen und Steine liegen auf der Fahrbahn, Müll überall. Alles wirkt irgendwie schief und selbst gemacht, aber farbenfroh. Musik dröhnt aus Werkstätten und Geschäften. Passanten winken uns zu und Autofahrer hupen und strecken uns nach oben gerichtete Daumen aus den Fenstern. Lebensfrohe, lachende Gesichter überall. Es macht Spaß wieder in einem neuen Kulturkreis, in einem neuen fremden Land zu sein. Das staubige Tijuana haben wir bald hinter uns gelassen und gelangen zurück an die Küste. Wir fahren auf der Autobahn, da uns die kleine Straße zu gefährlich erscheint. Natürlich ist Radfahren auf der Autobahn auch in Mexiko verboten, aber das stört weder uns noch die Polizei. Am Weg nach Süden liegen kleine Orte in denen sich reiche Amerikaner eingezäunte Paläste bauen, Essensbuden reihen sich an den Strassen, wir finden leckere Bäckereien, an den Stränden stehen Hochhaushotels für sonnenhungrige Touristen und hinter uns her laufen jede Menge verwilderte Hunde. Wir erreichen nach zwei Tagen Ensenada, eine Stadt mittlerer Größe. Über die "Radfahrer beherbergen Radfahrer"-Seite www.warmshowers.org finden wir eine tolle Unterkunft, haben für ein paar Tage unsere eigene Wohnung und saugen die ersten Eindrücke Mexikos in uns auf...
27.10.2009, Los Angeles (Kalifornien - USA): Marlies hat uns Karten für das U2 Konzert am 25.10. im Rose Bowl Stadion, welches das zweit größte Stadion der USA ist, besorgt. Allein zwei Stunden sind wir mit dem Auto auf Stadtautobahnen in der Stadt unterwegs, um in die Nähe des Stadions zu gelangen. Dann geht es mit dem Shuttlebus zum Eingang. Beinahe 100.000 Besucher drängen sich vor den Eingängen, am Rasen und auf den Tribünen. Die Bühne ist ein riesiges Gebilde, das optisch irgendwo zwischen Raumstation und Krake einzuordnen ist. Sie ist soll die bisher größte Konzertbühne der Welt sein. Nach einer mäßig guten Vorgruppe (Black Eyed Peas) ist es gegen 21:00 Uhr soweit. U2 treten ins Rampenlicht und eine Mega-Show beginnt. Licht, Video, Effekte, Rauch, die Bühne wirkt mit jeder neuen Beleuchtung surrealer und die Menge tobt. Das Konzert ist grandios, die Stimmung riesig und wahrscheinlich schafft es nicht einmal der Papst 100.000 Menschen (von denen viele wohl gar nicht religiös sind) zum ausgelassenen Singen eines "Kirchenliedes" zu bewegen – "I Still Haven’t Found What I’m Looking For" :-)
13.10.2009, Sacramento (Kalifornien - USA): Wir machen einen Abstecher nach Sacramento, wo wir mit unseren Gastgebern Michael, Marc und deren österreichischen Mutter einen gemütlichen Abend verbringen und somit schon einen sprachlichen Einstieg in den morgigen Tag haben. In der Früh regnet es Katzen und Hunde, deshalb verbringen wir unseren Tag in der Hauptstadt Kaliforniens in Kaffeehäusern bis die große Stunde anbricht. Arnold Schwarzenegger, der Gouverneur von Kalifornien und wohl berühmteste Auslands-Österreicher bzw. -Grazer hat uns zu einem Treffen in sein Büro eingeladen. Nach der Sicherheitskontrolle am Eingang des Regierungsgebäudes und der Anmeldung bei der Rezeption des Gouverneurs sind wir im Herzen des Kapitols. Schwarzenegger-Bilder aus allen Lebensphasen, Geschenke, Fahnen und Auszeichnungen schmücken den Gang zum Gouverneursbüro. "Kommts nua eina!", winkt uns Arnold Schwarzenegger herein und grinst. Es ist spannend, plötzlich einem der berühmtesten Menschen der Welt gegenüber zu stehen. In breitem steirischem Dialekt plaudern wir über unsere Reise. Wo wir schon überall waren, wo es noch hin geht, wie viele Kilometer wir bereits geradelt sind,... Und als Bestätigung, dass man seinen eigenen Weg gehen muss, meint er: "Meine Mutter hat auch immer gesagt, ich soll eine richtige Arbeit machen und nicht Bodybuildern und Filme drehen." Gut, dass er nicht immer auf sie gehört hat! Wir posieren für ein Foto, trinken Gouverneurskaffee und in einer Extraführung wird uns das Kapitol gezeigt. Was für ein Erlebnis – die Amerikaner würden sagen: "Arnold rocks!" Wir verabschieden uns, es geht zurück nach San Francisco und in Folge weiter entlang der Pazifikküste nach Süden...
10.10.2009, San Francisco (Kalifornien - USA): Nach erholsamen Tagen in Seattle schwingen wir uns wieder auf unsere Sättel und rollen in Richtung Süden. Schnell sind wir an der amerikanischen Pazifikküste, der wir in den nächsten Wochen folgen wollen. Steile Kliffs, Basaltfelsen in der rauen See vor langen Sandstränden und kleine Buchten. Strahlender Sonnenschein und Winde aus Nordwest (also Rückenwind :-) begleiten uns. Es ist tagsüber warm, ungemütlich kühl am Abend und nur knapp über dem Gefrierpunkt in der Nacht. Die Fahrt ist anstrengend, täglich "klettern" wir über tausend Höhenmeter, ein Hügel folgt dem nächsten. Doch es ist mit Abstand die schönste Küstenstrecke unserer bisherigen Reise. Leider ist in Washington und Oregon relativ viel Verkehr und die Straße oft zu schmal, was das Naturerlebnis etwas trübt. Jedoch als wir Kalifornien erreichen gibt es meist Alternativrouten, kleine Straßen, die sich einsam der Küste entlang schlängeln und keinen der Hügel auslassen. Wir kommen vorbei an vom Wind in Richtung Süden gekämmten Bäumen und Sträuchern und durch kleine Orte, in denen wir durch die Webseite www.warmshowers.org oft Kontakte haben. Dazwischen liegen gemütliche Campingplätze auf der Strecke in "State-Parks", wo es einen günstigen Radler/Wanderer-Tarif gibt. Zum wild-campieren eignet sich die Gegend leider nicht. Wir sind nicht die einzigen RadfahrerInnen, die sich entlang der Steilküste nach Süden schuften. Wir treffen etliche Amerikaner, die von Seattle nach San Diego (also von der kanadischen Grenze zur mexikanischen Grenze) strampeln. Auch ein paar Europäer sind unterwegs. Nachdem es hier von RadfahrerInnen nur so wimmelt und wir bei weitem nicht mit allen ins Gespräch kommen, haben wir nur ein paar, die länger unterwegs sind bzw. mit denen wir mehr Kontakt hatten oder auch ein Stück gemeinsam geradelt sind auf unsere Seite aufgenommen. Viel Spaß haben wir vor allem mit Uwe und Simone aus Bonn. Ein weiteres Highlight an der Küste war die Fahrt durch die Mammutbaum-Wälder (Redwoods). Wir bestaunen Baumriesen, die über 100 Meter hoch und teilweise über 3000 Jahre alt sind und fühlen uns daneben richtig klein! Über die Golden Gate Bridge erreichen wir nach fast 2000 Kilometern ab Seattle, die bisher mit Abstand schönste Stadt der Neuen Welt auf unserer Reise: San Francisco. Jede Menge Atmosphäre - die wollen wir genießen, deshalb bleiben wir für ein paar Tage.
Der Westen der USA entspricht bei weitem nicht dem gängigen USA-Klischee: Jede Menge Hybrid-Fahrzeuge säumen die Straßen. Ganz vorne dabei ist der Toyota Prius, aber wir sehen neben anderen Hybrid-PKWs auch Hybrid-LKWs und sogar den Tesla-Roadster (Elektro-Sportwagen). In Supermärkten gibt es eine Riesenauswahl an organischen Produkten, die man sich sogar leisten kann. Organische Supermärkte und Bioläden findet man nicht nur in großen Städten, sondern auch in kleineren Orten. Und man tut etwas für die RadfahrerInnen: In San Francisco wird zum Beispiel das Radwegenetz im nächsten Jahr verdoppelt. Der amerikanische Westen ist nicht "super-grün", aber es ist ein großräumiges Umdenken im Gange und in so mancher Hinsicht könnte sich Europa, wo der Umweltschutzgedanke zurzeit wenig "in" ist, daran ein Vorbild nehmen.
19.09.2009, Seattle (Washington - USA): Nach einer weiteren Runde um Spitzbergen – eine Wanderreise mit tollen Tierbegegnungen – sind wir für einen kurzen Stop in Österreich. Wir besuchen Familie und Freunde, klappern Ärzte ab (unser jährlicher Gesundheitscheck) und setzen uns mit Sponsoren und Presse zusammen. Unter anderem interviewen uns "Ö1" und "Radio Steiermark" und wir haben einen Termin mit der "Kronenzeitung" und "Die Presse". Northland Professional stattet uns wieder mit jeder Menge neuem Equipment aus und von Radsport Kotnik bekommen wir Ersatz- und Austauschteile für unsere Räder. Bald sind wir zurück in Vancouver bei unseren Rädern, die wir "runderneuern" und fit für weitere tausende Kilometer machen. Nach drei Tagen sind wir startklar und gemeinsam mit Niki, einer Freundin bei der wir nördlich von Vancouver übernachtet haben, brechen wir in Richtung Seattle auf. Lange fahren wir durch verstädtertes Gebiet, bis wir zur amerikanischen Grenze kommen. Danach ist das Radeln angenehmer und wir rollen oft über kleine Landstrassen oder Waldwege und manchmal an der Küste entlang. Wir übernachten bei Glenn, den wir im Yukon kennen gelernt haben. Er hat gerade einen sehr schrägen Film heraus gebracht, bei dem er als Investor und Schauspieler – als der Mann mit dem Blumentopf am Kopf – beteiligt ist. Der Streifen heißt "Kung Fu Joe". Wir fahren weiter und "hüpfen" über Inseln in Richtung Seattle. Ein bisschen Regen, viel Sonnenschein und durch dichten Nebel erreichen wir (mit einer weiteren kurzen Fähre) Seattle, wo wir bei Caroline und Roman – "ausgewanderte" Österreicher – zu Gast sind und unsere erste amerikanische Grosstadt unsicher machen. Nach schönen Tagen am Rad gemeinsam mit Niki, verlässt sie uns und fährt über Vancouver Island zurück nach Hause. Wir bleiben ein paar Tage in Seattle und fahren in Richtung Südwesten an die Küste weiter...
15.08.2009, Longyearbyen (Svalbard): Wir parken unsere Räder in Wanda und Tonys Garage und begeben uns auf den Weg nach Europa bzw. in die Arktis. Kurz stoppen wir in Österreich, besuchen für eine Woche Familie und Freunde und fliegen weiter nach Longyearbyen, Svalbard. Am nächsten Tag schießen wir unsere Gewehre ein (Eisbärengefahr!) und gehen an Bord der „Antarctic Dream“, unser Zuhause für das nächste Monat. Gemeinsam mit drei weiteren Guides führen wir 10-tägige Touren rund ums Archipel. Wandern, draußen sein, die Natur erleben und ein Touch von Wissenschaft sind Hauptaugenmerk unserer Reisen. Angenehme interessierte Gäste, phantastische Tierbegegnungen, jede Menge Eisbären, oft dichtes Packeis und gutes Wetter begleiten uns. Gerade sind wir von der zweiten Reise zurück und im Hafen von Longyearbyen. Am Nachmittag kommen die neuen Gäste an Bord und starten zu einer weiteren Umrundung Spitzbergens...
12.07.2009, Vancouver (British Columbia - Kanada): Nach einem schönen Tag mit Reiten und Ausspannen in Hudsons Hope, verabschieden wir uns von Rebecca und Stefan. Steil geht es ins Tal hinunter und Philipp erreicht eine der schnellsten Geschwindigkeiten der Reise, dann strampeln wir wieder in die Hügel und gegen den Wind. Nach wie vor quert der eine oder andere Bär unseren Weg, Rehe hopsen aufgeschreckt in die Büsche und immer mehr Blumen strecken ihre Blüten gegen die Sonne. Wir machen Pause in Prince George und versuchen bei der Weiterfahrt möglichst die Hauptstraße zu meiden, da nun immer mehr Verkehr aufkommt. Das Wetter ist instabil und es wird zur Regel, dass auf einen Sonnentag drei Regentage folgen. Es ist kühl und feucht und der Wind kommt nach wie vor aus der falschen Richtung. Doch wir haben das Glück, viele interessante Leute auf unserer Strecke kennen lernen und besuchen zu dürfen. AussteigerInnen, NaturliebhaberInnen, Yoga- und GesundheitsfanatikerInnen, AussichtsfetischistInnen, KakteenzüchterInnen und Biodynamic-FarmerInnen und die üblichen Fahrradfreaks. Somit wird das schlechte Wetter zur Nebensache. Wir kämpfen uns etliche Hügel hinauf und als wir in Richtung Whistler (Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2010) abzweigen, kommen wir wieder in die Berge. Wir genießen tolle Stimmungen an Seen und Flüssen, bewältigen steile Schotterpisten über Pässe und erhaschen manchmal sogar ein Blick auf die Berge und Gletscher, wenn die Wolken aufreißen. Als wir Vancouver erreichen, scheint die Sonne und wir kommen bei lieben Leuten unter. Wir flanieren durch die erste Großstadt auf unserer Amerika-Strecke. Für die nächsten (beinahe) zwei Monate werden wir unsere "Gäule" hier unterstellen, denn es geht (wie jedes Jahr) zum Geldverdienen nach Svalbard (Spitzbergen), wo wir als FremdenführerIn arbeiten werden.
24.06.2009, Hudson's Hope (British Columbia - Kanada): Wir verlassen Whitehorse in Richtung Südosten. Es sind über 500 Kilometer zum nächsten Ort. 500 Kilometer Hügelland, Wald, Bären und wunderschönes Wetter. Wir kommen gut voran und erreichen den kleinen Ort Watson Lake, wo wir bei netten Couchsurfern unterschlüpfen und unseren ersten richtigen Regentag im Trockenen verbringen. Hier gibt es für uns zwei Möglichkeiten weiter zu fahren: entlang des Steward Cassiar Highways oder des Alaska Highways. Den Steward Cassiar sind wir vor sechs Jahren schon mal geradelt, also entschließen wir uns für Zweiteren. Allerdings sind vorerst beide Highways gesperrt! Der Cassiar HWY wegen eines Erdrutsches und der Alaska HWY wegen Waldbränden. Am nächsten Tag ist der Alaska Highway wieder offen und wir können losrollen. Wieder sind es über 500 Kilometer zum nächsten Ort, Fort Nelson. Diesmal geht es hinaus aus dem Hügelland und hinein in die Berge. Eine phantastische Szenerie aus Seen, Berggipfeln und Flüssen begleitet uns auf unserer Fahrt über etliche Pässe. Wir finden tolle Plätze zum Zelten und sehen Büffel, Ziegen und jede Menge Bären am Weg – es ist eine richtig bärige Gegend hier und wir sind froh, unseren Elektrozaun dabei zu haben. In einer Abfahrt stürzt Philipp und schürft sich Knie und Arme auf. "Zum Glück" wüten hier nach wie vor Waldbrände und über 80 Feuerwehrleute sind mit Hubschraubern und Autos unterwegs. "Erste Hilfe" Fahrzeuge sind bei den Camps stationiert und verarzten Philipps Schürfwunden. Zum Glück bleibt das Wetter einigermaßen gut, die Wunden trocknen und verkrusten schnell und wir erreichen Fort Nelson. Zum ersten Mal auf der gesamten Reise treffen wir in so kurzer Zeit so viele Langstrecken-Radler und ab Fort Nelson strampeln wir für 6 Tage gemeinsam mit dem Japaner Sohei, mit dem wir - auf der anstrengenden Strecke über Hügel und gegen Regen und Wind - richtig zusammenwachsen. Einen Regentag verbringen wir an einem kleinen See am Feuer, rösten Marshmallows und schauen einen Film in unserem mobilen Outdoor-Kino am Lap-Top. Das Wetter wird wieder besser und vor Fort St. John trennen wir uns von Sohei, der in Richtung Edmonton weiterfährt. Wir schlagen wieder westliche Richtung ein, Farmland beginnt und nach einem fürchterlichen Tag gegen den Wind (wahrscheinlich der stärkste Gegenwind seit der Strecke durch den australischen Nullarbor) werden wir im kleinen Ort Hudson’s Hope von dem ausgewanderten schweizer Pärchen Rebecca und Stefan vor dem Supermarkt buchstäblich von der Straße "aufgelesen" und verbringen einen gemütlichen Tag bei ihnen und abends an ihrem Lagerfeuer...
04.06.2009, Whitehorse (Yukon - Kanada): Wir rollen mit Rückenwind und strahlendem Sonnenschein hinaus aus Fairbanks. Auf unserer weiteren Strecke sind Versorgungsmöglichkeiten mehrere hundert Kilometer von einander entfernt und wir sind meist mit Lebensmitteln für mehrere Tage beladen. In Tok überholen wir Marten und Karin, die wir schon bis Fairbanks einige Male getroffen haben. Wir gestalten für sie "Roadart" an der Strecke. Dunkle Wolken ziehen auf und für zwei Tage radeln wir durch kalte Regenschauer und können (müssen) zum ersten Mal unsere neue Regenausrüstung verwenden, die unser Sponsor "Northland Professional" zu uns nach Anchorage geschickt hat. So bleiben wir trocken! Nach zwei Tagen ist der Spuk vorbei und die Sonne scheint wieder vom beinahe wolkenlosen Himmel. Wir treffen Chris, der mit seinem Trike in Kanada und Alaska unterwegs ist und campen gemeinsam vor der kanadischen Grenze. Über der Grenze kommt uns Aaron entgegen, der vom Süden der USA unterwegs nach Alaska ist. Phantastische Bergszenerie, herrliches Wetter, aber viel Gegenwind begleiten uns auf unserem Weg nach Süden. Vor allem entlang des riesigen Kluane See bläst uns der Wind kräftig entgegen. Der See ist noch zu gut zwei Drittel mit Eis bedeckt und sieht wunderschön aus. Es ist warm und die Moskitos beginnen langsam zur Plage zu werden sobald wir vom Rad steigen. Jedoch sind unsere Zeltplätze, die wir neben der Straße finden, – abgesehen von den Moskitos - herrlich: meist haben wir grandiose Aussicht und können ein Lagerfeuer machen. Nach zehn Tagen auf der Straße erreichen wir Whitehorse und bleiben für ein paar Tage in der netten Stadt..
"RadLerleben" ist erschienen Ansichten steirischer RadfahrerInnen, vom Sattel aus notiert. Herausgegeben ist das Werk von Wolfgang Wehap und erschienen im Leykam Verlag. Erhältlich ist "Radlerleben" um 16,50 Euro im Buchhandel und online z.B. bei Amazon. Lies mehr zum Buch und Auszüge der Beiträge bei "ARGUS - Die Radlobby"!
Ebenso ist zum Buch ein 20 minütiger Film erschienen, bei dem auch wir mitwirken. Er ist um 12 Euro bei ARGUS erhältlich. Einfach Mail an folgende Adresse schicken: argus-stmk@gmx.at
23.05.2009, Fairbanks (USA - Alaska): Von Agra ist es nur noch eine kurze Fahrt von drei Tagen, bis wir Delhi erreichen. Es ist heiß und die "Luft" in der Großstadt ist so schlecht, dass man sie beinahe schneiden kann. Doch die Kartons für die Räder sind schnell besorgt, wir bekommen unsere deponierten warmen Sachen (Fleece, Schlafsäcke, Handschuhe, Zelt,...) geliefert, packen, genießen noch ein letztes Mal das gute indische Essen und fliegen am 06. Mai ab in Richtung Alaska...
Die Temperatur ist knapp über null und es nieselt, als wir in Anchorage aus dem Flugzeug klettern und von unseren Freunden Elke, Roy und ihren Kindern Maya und Anika begrüßt werden. Doch bereits nach der ersten "Nacht" (es bleibt hier mittlerweile so gut wie rund um die Uhr hell :-) ist der Himmel strahlend blau, es hat angenehme 10 bis 15 Grad und ist einfach herrlich! Schnell ist das schweißtreibende Klima Indiens vergessen und wir stürzen uns in die letzten Vorbereitungen, um aufzubrechen. Räder zusammenbasteln, Bären(pfeffer)spray und eine Signalpistole (zur Bärenabwehr) kaufen und wir leisten uns einen Nur-einen-Kilo-leichten Bären-Elektrozaun, den wir nachts um unser Zelt aufstellen werden. Noch zu gut haben wir die Nächte unserer letzten Alaska-Kanada-Reise vor sechs Jahren in Erinnerung, in denen wir (v.a. Valeska) wegen der Bären manchmal kaum ein Auge zugetan haben. Das soll diesmal anders sein! Nach ein paar angenehmen Tagen in Anchorage rollen wir los. Klare kühle Luft, die Birken und Weiden treiben gerade aus, der letzte Schnee schmilzt und die ersten Blumen recken sich gegen die Sonne - es riecht nach Frühling im Norden! Zusehends nimmt der Verkehr ab und gemütlich strampeln wir am breiten Seitenstreifen nach Norden und kommen nach Talkeetna, wo wir Ralf besuchen und IN seinem Fahrradshop "WE CYCLE" übernachten! Er ist ein absoluter Fahrradfreak und beherbergt außer uns noch Karin und Marten, die aus Holland auf Radtour sind und ebenfalls am Weg nach Südamerika. Bereits in Talkeetna erhaschen wir phantastische Blicke auf den Denali (Mt. McKinley) und die gesamte Alaska Range. Danach sind grandiose Zeltplätze an Flüssen und Seen mit tollem Panoramablick Lohn für die anstrengenden Höhenmeter und den Gegenwind beim Radeln. Nachts fallen die Temperaturen noch gut unter null, tagsüber ist es sonnig und angenehm warm. Karin und Marten treffen wir am Weg ständig wieder und campen einige Male gemeinsam. Wir wollen für ein paar Tage in den Denali Nationalpark fahren. Autos sind nicht erlaubt, dafür rollen dort in der Saison alle halben Stunden Shuttle-Busse mit tausenden Touristen auf der Schotterstrasse hin und her. Campen ist nur auf den wenigen Campingplätzen erlaubt und man muss oft Tage am Eingang warten, bis man einen Zeltplatz bekommt. Aber: wir sind für all den Trubel eine Woche zu früh dran. Die Campingplätze sind noch geschlossen, die Busse noch nicht in Betrieb genommen. Die einzige Möglichkeit in den Park zu kommen ist mit dem Fahrrad! Wir organisieren uns eine "Backcountry Permit", die uns erlaubt überall zu zelten (wenn die Saison los geht ist das nicht mehr erlaubt), und fahren los. Nach wenigen Kilometern ist "das Aus" für Autos und wir sind alleine im Park! Herrlich, phantastisch, grandios! Das Wetter ist bombig und wir sehen Grizzlys, Elche, jede Menge Rentiere, unzählige Hasen und Schneehühner, Gebirgsschafe, Greifvögel und Erdhörnchen. Die Strasse windet sich durch die Täler und über Pässe und die Aussicht auf die Berge ist wunderschön! Abends verabreden wir uns meist mit Karin und Marten, und die beiden sind froh bei der großen Bärendichte im Park innerhalb unseres Bärenzauns zu stehen. Nach einigen Tagen sind wir zurück am Highway und strampeln in zwei Tagen über etliche (steile!) Hügel nach Fairbanks, wo wir in Heidi und Davids Hütte einziehen, ein paar Tage Pause machen und warten, dass unsere Freunde vom Urlaub zurück kommen...
30.04.2009, Agra (Indien): Valeska fängt sich eine böse Magenverstimmung und wir schauen bei „Doktor Larifari“ (ein Tipp unseres Hoteliers) vorbei. Nach einem Stuhltest werden unzählige Pillen verschrieben und versichert "jetzt wird alles wieder gut". Nach Philipps Pune-Ärzte-Rallye (die außer einem Aufschwung in der indischen Pharmaindustrie nicht viel gebracht hat) stehen wir den indischen Ärzten äußerst skeptisch gegenüber und wir kommunizieren parallel mit einer befreundeten Ärztin in Österreich. "Doktor Larifari" hat Valeska neben harmlosen Darmflora-aufbauenden Mitteln drei (!) Antibiotika und ein Mittel gegen Schizophrenie (!?!) verschrieben. Seiner Meinung nach hat sie Amöben. Laut Befund und österreichischer Ärztin allerdings nicht. Es sind Coli-Bakterien von denen man (laut Befund) gar nicht sagen kann welche es sind – und die könnten nämlich auch ohne Medikamente wieder verschwinden. Valeska nimmt nur eines der Antibiotika, dem Arzt wird kein weiterer Besuch abgestattet, und nach einer Woche in Udaipur können wir wieder weiterradeln. Wir rollen ostwärts nach Chittorgarh, einer kleinen Stadt mit großer Burganlage, dann nordwärts nach Pushkar, einem hinduistischen Pilgerort und beliebtem Rucksacktouristen-Ziel. Danach kommen wir nach Jaipur, wo wir für zwei Tage stoppen. Eine wunderschöne Stadt, mit engen Bazaren, einem imposanten Palast und einer hübschen Altstadt ("Die Rote Stadt"). In Rajasthan fahren wir durch Halbwüste, wo die Temperaturen tagsüber auf über 45 Grad klettern und es fürchterlich windig und staubig ist. Die Straßen sind jedoch perfekt und breit, und wir kommen schnell voran. Die Mentalität der Leute ändert sich merklich, je weiter wir in den Norden kommen. In Südindien reagierte man sehr gelassen, wenn wir durch die Strassen strampelten und es wurde gewunken und gegrüßt. Die Menschen versuchten zu kommunizieren und waren an uns interessiert. Hier ist die Reaktion vom Straßenrand gerne ein hysterisches Kreischen. Oder man schreit uns etwas entgegen, was in Folge ein Gelächter und Gekicher der Menge auslöst, wenn wir vorbeirollen. Oder man stellt sich grußlos zu uns und glotzt und ausdruckslos an, wenn wir irgendwo anhalten. Aber es gibt natürlich auch immer wieder interessante Gespräche und freundlich lächelnde Gesichter entlang der Straße. Wir erreichen Fahtepur Sikri, eine imposante Moschee-Palast-Ruinen-Anlage, die als Weltkulturerbe gelistet ist, bevor wir Agra erreichen, wo wir zwei Tage stoppen, um die magische Atmosphäre des Taj Mahals auf uns wirken zu lassen...
14.04.2009, Udaipur (Indien): Schnell sind die Räder wieder startklar und wir verabschieden uns von unseren Freunden in Pune und strampeln los. Es tut gut nach langer Radabstinenz wieder am Sattel zu sitzen, den Fahrtwind zu spüren und voran zu kommen. Erst geht es gemütlich durch die Hügel und hinunter in Richtung Mumbai. Der Verkehr nimmt nun merklich zu und wir versuchen so gut es geht, die Großstadt zu umfahren und strampeln weiter nach Norden. Es ist heiß (um die 40 Grad), das Land wirkt ausgedörrt und staubig. Die Dieselabgase der LKWs, Staub und Dreck, in Kombination mit Sonnencreme und jeder Menge Schweiß, ergeben bis zum Abend eine schwarz-braune Schicht auf unserer Haut. Schnäuzt man sich, kommt es schwarz aus der Nase, daher beginnen wir, mit Atemschutz zu fahren (wie viele Inder es auch tun). Viel Verkehr und Industrie begleiten uns fast die gesamte Strecke bis Ahmedabad. Aus Rauchfängen steigt dicker dunkler Rauch, oft liegt beißender Geruch nach Chemikalien in der Luft, Flüsse und Bäche sind grün, blau und rot gefärbt und stinken erbärmlich. Insgesamt keine besonders erfrischende Fahrt. Erst die letzten 200 Kilometer bis zur Großstadt sind freundlicher. Es gibt wieder schattenspendende Alleebäume an den Straßenrändern und Bananen-, Zuckerrohr- und Mangoplantagen. Ahmedabad empfängt uns freundlich mit vielen netten Leuten, die wir über www.couchsurfing.org kennen gelernt haben. Wir erkunden die Altstadt mit ihren engen Gassen, Tempeln und Moscheen, und rollen weiter in den Wüsten-(Bundes)staat Rajasthan. Das Land ist jetzt merklich trockener, es gibt außer Kakteen und anderen Dornengewächsen kaum Vegetation und über die Mittagsstunden klettern die Temperaturen auf über 40 Grad. Wir erreichen die kleine Stadt Udaipur, die herrliche Paläste, phantastische Stimmungen zu Sonnenauf- und –Untergang und gemütliche Atmosphäre zu bieten hat. Wir bleiben für zwei Tage und rollen weiter in Richtung Jaipur, Agra und Delhi...
Es gibt auch Neuigkeiten zu unserer Route, die wir ein weiteres Mal (nach langem Hin- und Herüberlegen) umgekrempelt haben – der Luxus unserer Entscheidungsfreiheit. Schon in Nepal hat sich abgezeichnet, dass es in diesem Jahr wahrscheinlich unmöglich ist, von Nepal nach Tibet einzureisen – vor allem als Individualtourist (was an sich verboten ist) und dann auch gleich noch mit dem Rad. Das Hauptproblem ist diesbezüglich der Grenzübergang zwischen Nepal und China, den kann man einfach nicht umgehen, da man ja einen Einreisestempel braucht. Eine Möglichkeit ist mit einer geführten Tour (für teures Geld) einzureisen und dann zu verschwinden. Das Problem hierbei ist, dass man normalerweise als gesamte Gruppe ein Gruppenvisum und ein Gruppen-Permit bekommt und zu zweit ist man nur "vielleicht" eine Gruppe (je nach Sachbearbeiter). Zu alldem kommt in diesem Jahr dazu, dass sich der Einmarsch der Chinesen zum 50. Mal jährt und mit Protesten und Ausschreitungen gerechnet wird. Daher ist noch mehr Polizei und Militär im Land und die Nepal – Tibet Grenze ist für Touristen zurzeit gesperrt. Wir haben lange an Alternativen herum überlegt und nachdem Indien irgendwie eine Sackstrasse ist (wenn man nicht nach Pakistan fahren möchte, was der einzige offene Grenzübergang ist), haben wir beschlossen alles ganz anders zu machen! Wir werden Anfang Mai von Delhi nach Alaska fliegen und mit Amerika Nord – Süd beginnen. Danach kehren wir (in etwa eineinhalb Jahren) nach Asien zurück (Südostasien) und werden am Landweg (hoffentlich auch über Tibet) zurück nach Europa radeln...
15.04.2009, Rajasthan (Indien): "Namaste"- Diesmal aus Rajasthan. Nach einem tollen Nepal-Urlaub (Urlaub von den Fahrraedern :-) mit Philipps Eltern und schoenen Trekking-Erlebnissen, sind wir nun nach Indien, Pune, zu unseren Raedern zuerueck gekehrt. Flugs haben wir unsere Sachen gepackt und sind vorbei an Mumai gut 800 km nach Norden geradelt, nach Rajasthan, einem wuestenhaften Landesteil Indiens. Vorgestern sind wir in Udaipur eingeradelt, wo wir wieder mal seit langem in einer Touri-Stadt sind und das Sightseeing geniessen! Udaipur ist eine der romantischsten Staedte Indiens, sagt man.... Wir bleiben drei Tage, schlendern durch die Palaeste, geniessen den Sonnenuntergang auf der Dachterrasse und bringen unsere Homepage auf aktuellen Stand. Wieder gibt es eine "kleine" Routenaenderung, wir verschieben "Asien" ans Ende unserer Reise und werden Anfang Mai nach Alaska fliegen, um Amerika Nord-Sued zu radeln :-) Laut neuem Plan, solls dann erst in eineinhalb Jahren von Suedosthasien per Landweg nachhause gehen.... uuups, aprospos "hasien", ein Freud'scher Tippfehler! Nachtraeglich wuenschen wir Frohe Ostern, das wir dieses Jahr - im wahrsten Sinne des Wortes - verschwitzt haben! Sommerliche Gruesse aus Indien und wir wuenschen einen schoenen Fruehling daheim...